| DUKE US Media
Fellowship for Visiting Journalists 2011 20. März – 15. April / 12. September – 7. Oktober |
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Vierwöchiger Studienaufenthalt am DeWitt Wallace Center for Communications and Journalism, Duke University, Durham, North Carolina und Besuch in Washington D.C. Im Mittelpunkt des März/April-Programms stand wie stets im Frühjahr das renommierte ”Fullframe Festival” mit Dokumentarfilmen aus aller Welt. Die Programme beinhalteten einen mehrtägigen Besuch in Washington DC. Die Teilnehmer des September/October-Programms nahmen zusätzlich am RIAS-Fellowtreffen in New Orleans teil und auch an der zeitgleich stattfindenden RTDNA/SPJ-Tagung.
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![]() TEILNEHMERBERICHTE FRÜHJAHRSPROGRAMM ————— Andreas Main, Freie Journalistin, Phoenix, Bonn Es ist ein anderes Leben hier. Es braucht einiges an Zeit und Kraft um anzukommen. Wenngleich es uns Media Fellows leicht gemacht wird: Sommerliche Temperaturen im März und eine geradezu explodierende Natur begrüßen uns. Auch der Homesecurity-Officer — überaus freundlich. Und doch: Die Zeitumstellung und all die neuen Eindrücke sind heftig. In vier Wochen als Duke-Media-Fellow habe ich mehr Zeit in „Sprechstunden“ von Professoren verbracht als in vier Jahren an der WWU Münster. Die Professoren der Divinity School oder des Religion Department reagieren auf meine Emails mit dem Wunsch, sie zu treffen, innerhalb weniger Stunden — manchmal auch innerhalb von Minuten. „Die Deadline, um sich für eine Konferenz zu registrieren, ist verstrichen? — Kein Problem. Kommen Sie einfach vorbei!“ Oder: „To join a class? — You are certainly welcome to join us.“ So geht das im Minutentakt. Ich habe in Zeiten studiert, als ans Internet noch nicht zu denken war. Vielleicht ist das heute selbstverständlich. Mir aber erscheint es wie ein kleines Weltwunder, dass es auf dem Campus für Studierende freies Internet gibt, dass ich vom Sofa aus Bücher online bestellen kann, dass alle Studenten das neueste MacBook nutzen. Bei großen Lectures wie etwa von Salman Rushdie hebt immer wieder das Apple-Tastatur-Geklapper an. Eine an- und abschwellende Klangkulisse, die die Intelligenz des Schwarms widerspiegelt. Notizen werden nur noch selten in Blocks geschrieben. Sie werden live getwittert — jedenfalls bei großen, öffentlichen Veranstaltungen. Es gibt auch vieles, was ich niemals verstehen werde: etwa die Institution des brown bag lunch. Es soll eine informelle Atmosphäre produzieren. Jeder bringt sein Lunch selbst mit und raschelt dann mit Tüten, schmatzt und kaut. Ich erinnere mich an einen früheren Chefredakteur, der Kollegen vor die Konferenztür setzte, wenn sie auch nur ein Pfefferminz-Bonbon im Mund hatten. Ebenso wenig plausibel erscheinen mir auf Kühlschrank-Niveau temperierte Seminarräume oder beheizte Dachterassen. So erlebt in Chapelhill. Apropos. Drei Uni-Orte sind hier ganz dicht beieinander: Chapelhill, Durham, Raleigh. Deswegen auch Triangle. Und allüberall geht mir Tom Wolfes wunderbarer Roman „I Am Charlotte Simmons“ durch den Kopf. Und jeden Tag laufe ich an Coach K’s Auto vorbei. Er ist in Wolfes Roman aufs Feinste porträtiert und sei allen anempfohlen, die jemals in die Gegend oder nach Duke reisen. Das Media-Fellow-Programm eröffnet Freiräume, um seinen eigenen Interessen nachgehen zu können. Bei mir sind es neben der Religionswissenschaft die Social Media. Hier gewährt besonders der Field-Trip nach Washington ungeahnte Einblicke. Denn unsere Gesprächspartner legen eine verblüffende Offenheit und Transparenz an den Tag. Der Presse-Offizier im Pentagon räumt eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit Twitter, Blogs und Facebook ein. PR-Strategien von einst hätten sich erledigt, weil die großen Zeitungen längst nicht mehr die Macht hätten wie einst. Eine Behörde wie das Verteidigungsministerium könne aber nie so schnell sein wie Blogger. Außerdem gehe es um Menschenleben. Seine Skepsis bezüglich Blogistan ist aus Kenntnis gespeist — und nicht aus Ahnungslosigkeit, die ich in hiesigen Debatten oftmals ausmache. Wir laufen durch ein Ministerium, das wie eine Stadt wirkt — eine Kleinstadt mit rund 30.000 Einwohnern. Überall gepflegte, freundliche Spitzenoffiziere. Rund 75 % der Pentagon-Leute sind hochrangige Offiziere. Plötzlich stehen wir vor dem Büro von Robert Gates, Secetary of Defense. Ich bezweifle, dass eine chinesisch-amerikanische-südafrikanisch-deutsche Besuchergruppe beim Leiter des Grünflächenamtes Castrop-Rauxel vorbeimarschieren könnte. Ein roter Faden zieht sich durch alle Gespräche: das Phänomen, dass Social Media die journalistische Arbeit massiv beeinflussen und die klassischen Medienhäuser personell ausgedünnt sind. Aber Amerikaner kennen keine Probleme, sondern nur „challenges.“ Als Herausforderung werden auch die Umbrüche im Medienmarkt angesehen. Aber es wird eng, sagt unser Mann bei der Washington Post ganz offen. Es sei denn, die Verlage entwickeln alsbald Strategien, wie Inhalte im Netz, auf dem IPad oder wo auch immer so angeboten werden, dass die Nutzer bereit sind zu zahlen: „Die Papierzeitung wird sterben. Denn ihre Leser sterben.“ Der Besuch bei NPR ist für mich eine Art Pilgerreise. Ich bin leidenschaftlicher Hörer von NPR-Podcasts, liebe die Ipad-/Iphone-Apps von National Public Radio. NPR bekommt ein wenig Geld vom Staat, wirbt Sponsorengelder ein, wird aber vor allem von der Hörerschaft getragen. Sie geben freiwillig Geld für ein Programm, das sie mögen. Ich bin auch zahlendes Mitglied, denn NPR hat eine Member-Station in Berlin: Ich spende, also bin ich. Und ich bereue es nicht. Für gute Inhalte zahle ich gerne! In Washington jene NPR-Kollegen zu treffen, die mich in Köln und Berlin begleiten und mir so viele Impulse geben — nice to meet you. Und viel mehr. Wie wir es schaffen, mit Media Fellows aus China, Südafrika, Singapur, Japan und Deutschland auf die Marine Corps Base Quantico zu kommen, soll hier ein Geheimnis bleiben. Ebenso, wie es gelingt, ins Büro von Bob Schieffer vorzudringen. Er ist der Hajo Friedrichs des U.S.-Fernsehens. 40 Minuten vor der Aufzeichnung seiner Sendung „Face the Nation“ ist er ebenso entspannt wie danach beim Frühstück, zu dem er uns einlädt. Nur so viel sei verraten: Media Fellows werden Freunde und teilen ihre Kontakte, so dass manchmal möglich wird, was zunächst unmöglich erscheint. Eine Woche später — am Wochenende — reisen wir Fellows, die zu Freunden werden, ans Meer. Von unseren Vorgängern (Herbst 2010) bekommen wir den Tipp, uns in einem ganz bestimmten Hotel einzumieten. Jedes Zimmer hat Meerblick. Über all dem liegt eine schützende Hand, die all diese Prozesse ermöglicht: Program Director Laurie Bley. Sie ermutigt und schiebt an. Sie gibt Anregungen und lässt jene akademische Freiheit, die eigene Erkenntnisse möglich macht. Hätte es nicht diese Freiräume gegeben, hätte ich keine Zeit gehabt, mich auf die stundenlangen Gespräche mit jenem konservativen katholischen Theologen vorzubereiten oder mit jenem linksliberalen, popkulturell gebildeten Religionswissenschaftler oder mit jenem jüdischen Professor, der politisch radikal-linke Thesen vertritt. Diese drei so unterschiedlichen Scholars verbindet eines: Sie sind offen für andere Meinungen, pflegen den nüchternen Diskurs und sind offen und warmherzig gegenüber Fremden. Ich habe viel gelernt. Ich habe einen Einblick bekommen in eine U.S.-Welt, die ich ohne RIAS-Duke-Fellowship so nie hätte erleben können: Einblick in eine akademische, überwiegend reiche, die Demokraten wählende und Obama unterstützende, sich gepflegt ausdrückende, gut gekleidete Welt. Das ist sicher eine ganz spezielle Perspektive — doch es gibt in Durham auch Armut und Schilder an Geschäften, die fordern: „No weapons allowed.“ Doch trotz dieser Schattenseiten — vier Wochen an dieser teuren Privat-Universität, umgeben von der künftigen Elite dieses Landes, stimmen mich optimistisch. Und dafür möchte ich mich bei allen bedanken, die das ermöglicht haben: bei Laurie Bley, bei den Mit-Fellows, den Studenten, den Professoren, den Rednern, Journalisten-Kollegen und natürlich und vor allem auch bei Rainer Hasters und der RIAS Berlin Kommission. TEILNEHMERBERICHTE HERBSTPROGRAMM Matthias Nöther, freier Kulturjournalist, Berlin Die Gruppe der Media Fellows, die vom 12. September bis zum 7. Oktober am DeWitt Wallace Center for Media and Democracy der Duke University zu Gast war, bestand aus Journalisten verschiedener Länder. Die Kollegen kamen aus unterschiedlichen Gründen zu dem Programm. Neben Janek Wiechers vom NDR Braunschweig und mir, die wir als Rias Fellows an die Duke University kamen, waren es zum einen zwei Journalisten aus Südafrika, die ebenfalls Teilnehmer eines offiziellen Austauschprogramms waren: Phathiswa Magopeni (eTV Johannesburg) und Michael Schmidt (Institute for the Advancement of Journalism, Johannesburg) kamen über die Clive Menell Fellowships, eine Organisation, die für südafrikanische Journalisten eine ähnliche Funktion erfüllt wie die Rias Kommission für uns Deutsche. Der Journalist Seung Ki Lee war von seinem südkoreanische Fernsehsender für ein Jahr an die Duke University geschickt worden. Unser Programm war nur eines von mehreren, das er im Laufe des Jahres besuchte. Der französische Journalist Philippe Bernard, als Reporter von Le Monde hauptverantwortlich für afrikanische Themen, war vom Romanischen Institut der Duke University eingeladen und nutzte die Gelegenheit, um sich auf seinen künftigen Job als Leiter des North American Desk von Le Monde in Paris vorzubereiten. Dies waren wortgewandte, diskussionsfreudige, meinungsstarke und sympathische Kollegen. Die Zusammensetzung der Gruppe jedoch wurde noch einmal durch zwei U.S.-amerikanische Radiojournalistinnen bereichert. Jessica Jones vertrat als Redakteurin des North Carolina Public Radio die journalistische Arbeit der Region, die von der Nachbarstadt Chapel Hill aus und damit vor Ort stattfand. Alicia Shepard, zuletzt Ombudsfrau des NPR in Washington D.C., konnte vor der Gruppe wiederholt hervorragend die Struktur und aktuelle Situation des landesweiten Hörfunkjournalismus erklären. Ich glaube, dass wir durch diese geschickte und gut durchdachte Zusammensetzung unserer Gruppe bereits eine optimale Möglichkeit hatten, von den vier Wochen an der Duke University zu profitieren. An dieser Stelle muss bereits Laurie Bley erwähnt werden. Nicht nur als Direktorin und Managerin des Programms machte sie einen hervorragenden Job, erkannte und klärte die meisten überhaupt möglichen Unwägbarkeiten bereits im Vorhinein. Schon dies ist nicht selbstverständlich. Laurie trat daneben jedoch auch in den vielen Fachdiskussionen als geschickte und engagierte Moderatorin auf, die im Fall, dass das Gespräch stockte, die Diskussion mit neuen Impulsen wieder belebte. Der vierwöchige Einblick in die Medienszene der USA, den die Rias Kommission und vor Ort insbesondere Laurie uns ermöglichte, hätte kaum intensiver und informativer sein können. Besonders schätzenswert für mich war, dass mit diesem Einblick ein intensives Kennenlernen der USA und ihrer gegenwärtigen Gesellschaft einherging, wie es trotz einiger voriger Kontakte mit Land und Leuten für mich ohne dieses Programm wohl niemals möglich gewesen wäre. 1. Woche Mittwoch, 14.09. begann mit einer Vorstellungsrunde beim Direktor des DeWitt Wallace Centers, Jay Hamilton. Jay zeigte uns die Möglichkeiten auf, die sich uns in den einzelnen Departments der Duke University für unser jeweiliges Recherche-Projekt boten. Daneben sprach er über seine vergangenen und aktuellen Forschungsprojekte, darunter sein Buch „All the News That’s Fit to Sell: How the Market Transforms Information into News.“ (Deutlich wurde für uns die sehr marktwirtschaftliche Denkweise des Ökonomen Hamilton, doch in seinem Buch wird auch erklärt, weshalb eine Struktur der Medien, die noch radikaler nach marktwirtschaftlichen Kriterien ausgerichtet wäre, mehr Freiheit mit sich brächte: Hamilton plädiert u.a. für allgemeinen, kostenlosen Zugang zu Informationen der Regierung und für stärkeren Ausbau von Non-Profit-Organisationen im Medienbereich.) Nachmittags stellte sich uns der Leiter einer solchen Non-Profit-Organisation vor: Kevin Eckstrom, Leiter des Religion News Service, RNS. Die Organisation versucht Zeitungen und Rundfunkstationen zu unterstützen, die kein Religionsressort mehr haben. Dorthin bringen sie ihre Reporter, die Stationen zahlen Gebühren dafür. Nur so kann der finanzstarken Lobby insbesondere der christlichen Nachrichtenmacher im Süden der USA eine unabhängige Quelle für Religionsnachrichten entgegengesetzt werden. Bemerkenswert für uns Europäer, die wir Amerika als ein äußerst religiöses Land wahrnehmen, war Kevins Bemerkung, dass in Amerika die gleiche Tendenz vorherrscht wie in Deutschland oder Frankreich: Immer mehr Menschen gehören keiner Religion an und geben auf Nachfrage an, dass sie nicht an Gott glauben. Im Anschluss hörte ich am Donnerstag, 15.09. eine Podiumsdiskussion im Rahmen der Religious Writers Conference, die von Kevin Eckstrom und seinem Team organisiert worden war. Nach einem Vortrag des Buchautors und Journalisten Eboo Patel „Acts of Faith: The Story of an American Muslim, the Struggle of the Soul of a Generation“ kamen Studierende der Duke University auf das Podium, die über ihre Erfahrungen als junge Muslime in den USA nach 9/11 berichteten. 9/11 ist für sie und ihre Eltern als Bruch erfahrbar, denn vorher wurden sie als Amerikaner, nun eher als Muslime, womöglich als potenzielle Terroristen wahrgenommen. Am Nachmittag hörte die gesamte Gruppe einen Vortrag von Jon Ebinger, dem Leiter der Radio Television Digital News Foundation. Anhand eines Videos, das eine Diskussion zwischen einem Beamten des Department of Homeland Security und Redakteuren zeigte, erörterte er die Verlässlichkeit von Katastrophen-Berichterstattung im Zeitalter Neuer Medien wie Twitter. 2. Woche Phathiswa Magopeni stellte die Arbeit bei ihrem TV-Sender vor. Gesendet würde morgens neben Englisch und Afrikaans in drei weiteren afrikanischen Sprachen der Region. Allerdings sei sie die einzige schwarzafrikanische Redakteurin, nur zwei andere Kollegen in der Redaktion würden überhaupt afrikanische Sprachen sprechen. Das beeinflusse auch die Themenauswahl ungünstig. Erschwerend käme hinzu, dass der Sender nicht im ganzen Land Korrespondentenbüros besitze, so dass bestimmte Regionen im Fernsehen unterrepräsentiert seien. Michael Schmidt sprach in seinem Referat u.a. die inflationäre Beschäftigung junger, unerfahrener und schlecht ausgebildeter Redakteure an, die zudem finanziell ausgebeutet würden. Am Dienstag, 20.09. folgten weitere Referate über neue berufliche Herausforderungen von Journalisten, diesmal von Seung Ki Lee und von Alicia Shepard. In seinem Land Südkorea mit einer Mediendichte von rund 4.000 ist Seung Ki Moderator der landesweit einzigen Sendung mit medienkritischen Beiträgen. Hier wird die Rolle der Medien problematisiert, mögliche Verbesserungen werden erörtert. In Südkorea sei Veränderungen in der Medienlandschaft ebenso spürbar wie in westlichen Ländern: Das TV-Publikum gehe zurück, politische Inhalte seien nicht mehr so populär, alternative Angebote in den Neuen Medien würden noch nicht in gleicher Zahl vom Publikum angenommen. In gewisser Weise knüpfte Alicia Shepards Referat an Seung Ki an, weil sie sich in ihrem langjährigen Job als Ombudsfrau von NPR Washington D.C. ebenfalls mit Medienkritik und journalistischer Ethik beschäftigte. Liza erläuterte vor allem auch die Struktur des U.S.-landesweiten Systems von NPR-Stationen, darunter die finanzielle Struktur, die mit öffentlich-rechtlichem Rundfunk in Deutschland nur mittelbar zu vergleichen ist. Am Donnerstag, 22.09. war eine Challenges-Session angesetzt, in der wir Deutschen die Herausforderungen unseres Berufs erläutern sollten. Janek Wiechers gab zunächst einen Überblick über das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem in Deutschland und stellte dann seine Arbeit als Lokaljournalist beim NDR Braunschweig vor. Auf allgemeines Entsetzen stieß die von Janek erläuterte Praxis des NDR, sogenannte „feste freie Mitarbeiter“ nach 13 Jahren nicht mehr zu beschäftigen, damit sie nicht auf eine feste Stelle im Sender klagen können. Ich hatte es als meine Aufgabe gewählt, die zunehmende Machtlosigkeit von Kulturberichterstattern im deutschen Print und Hörfunk an meinem eigenen Beispiel zu illustrieren. Feuilleton-Seiten werden zusammengestrichen, auf der ersten Seite des Kulturteils bleiben nicht selten Essays von Politik-Redakteuren übrig, die in ihrem eigenen Ressort keinen Platz fanden. Ein erweiterter und schwammig gewordener Begriff davon, was Kultur ist, wird hier oft missbraucht — zum Nachteil der konkreten Berichte über Künstlerisches. In der Nacht zuvor war in Texas das Todesurteil gegen Troy Davis vollstreckt worden — eine Hinrichtung, die wie keine in den vergangenen Jahren umstritten war. Die Schuld von Davis war bis zum Schluss keineswegs erwiesen. In den Konversationen der Gruppe untereinander erwähnte Philippe, der die Hinrichtung quasi live im Fernsehen verfolgt hatte, sein Entsetzen über diese Form der Berichterstattung. Es schloss sich eine Diskussion über die Chancen an, dass die Todesstrafe in den USA mittelfristig abgeschafft wird. Vom Freitag, 23.09. bis Montag, 26.09. erfolgte eine Exkursion der Gruppe nach New Orleans. Eingeladen war die Gruppe zu der Konferenz „Excellence in Journalism,“ die ebenfalls von der Radio Television Digital News Association ausgetragen wurde. In ihrem Rahmen fand auch ein Alumni-Treffen aller bisherigen U.S.-amerikanischen Rias Fellows statt. Neben den Besichtigungen der Mansions und des French Quarter in dieser großartigen Stadt wird mir ein besonderes Erlebnis in Erinnerung bleiben: der Auto-Ausflug zu viert ins Mississippi-Delta und damit in das einstige Katrina-Katastrophengebiet. Es war eine Begegnung mit der unglaublichen Zuversicht der Menschen. Diese Zuversicht scheint sowohl nach dem Wirbelsturm als auch nach der Finanzkrise noch in der amerikanischen Kultur lebendig zu sein, wenn auch, angesichts von zur Zeit 46 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze, längst nicht überall und jeden Tag. Diese Fahrt brachte auch eine Begegnung zwischen den europäischen und amerikanischen Kollegen mit sich, denn auf der Autofahrt hatten wir zum ersten Mal unbegrenzt Gelegenheit, uns gedanklich auszutauschen über Kulturen und Denkmuster unserer Länder im Angesicht bestimmter Weltereignisse, aber auch privat. 3. Woche Vom Donnerstag, 29.09. bis Sonntag, 02.10. erfolgte unsere Exkursion nach Washington D.C. — neben vielem Anderen eine weitere Möglichkeit, auf der langen Autofahrt mit Leben, Denken und Arbeiten der Kollegen näher bekannt zu werden. Bereits am Donnerstag nachmittag besuchten wir die Redaktionsgebäude der Washington Post und von Al-Jazeera Washington — eine exemplarische Erfahrung der Unterschiede zwischen der alten, verunsicherten U.S.-amerikanischen Medienszene und der neuen, aufstrebenden. Der Newsroom der Washington Post, man spürt es förmlich, ist von der Angst vor dem Verlust weiterer Arbeitsplätze (2009 gab es einen Personalabbau von 40 Prozent) ebenso durchpulst wie von der Angst vor Terrorismus und Informationsklau: Es war uns untersagt, im Gebäude zu fotografieren — dem Haus eines Nachrichtenverlages, bevölkert von oft liberalen Journalisten! Ganz anders bei Al-Jazeera. Die Frage, ob man hier Fotos machen dürfe, wurde gar nicht verstanden, so absurd schien sie. Hier nahm sich spontan Josh Rushing für uns Zeit, jener Jazeera-Moderator, der einst als Media Spokesman bei den Marines gedient hatte. Er erzählte uns seine Geschichte, wie er während des Irak-Kriegs mit Hilfe von Al-Jazeera-Kollegen arabisch gelernt hatte und aus der Army gedrängt wurde, nachdem er sich in einem Dokumentarfilm (Control Room, 2003) positiv über Al-Jazeera geäußert und die Verteufelung dieses Senders durch U.S.-Medien kritisiert hatte. Nur wenige Jahre nach seinem Abschied von der U.S.-Army wurde er Fernsehmoderator bei Al-Jazeera. Am nächsten Tag waren wir für einen Besuch im Pentagon angemeldet. Wir durften feststellen, dass das Innere des Verteidigungsministeriums mittlerweile einer Shopping Mall gleicht: Starbucks, Juwelierläden, Pentagon-Fanshops und Bankautomaten prägen das Gebäude. Auch in unseren Treffen mit den Presse-Offizieren wurde Transparenz behauptet, sogar einige warme Worte über den „Nestbeschmutzer“ Josh Rushing wurden verloren, am Ende allerdings wurden wir nur mit Informationen versorgt, die man auch mit einem Minimum an Internetrecherche hätte erhalten können. Der anschließende Besuch beim NPR Washington bedeutete für mich insbesondere eine Begegnung mit der NPR-Musikchefin Anya Grundmann, über die ich Kontakte zu Gesprächspartnern aus der U.S.-musikjournalistischen Szene erhielt. 4. Woche Ausgangspunkt meiner Fragen an diese Leute war folgender Gedankengang: Der Niedergang des klassischen Musiklebens in den USA ist fast ein Symbol für den wirtschaftlichen Zustand des Landes insgesamt. Die schrillste Nachricht, die diesbezüglich im Sommer nach Europa drang, war der drohende Bankrott des weltberühmten Philadelphia Orchestra. Andere Orchester wie Detroit oder Cleveland sind in ähnlichen Schwierigkeiten. Symbolisch ist dies insofern, als es repräsentativ für die finanzielle Basis des öffentlichen Lebens in den USA insgesamt ist: Auch die amerikanische Kulturfinanzierung beruht auf Spenden von Privatpersonen, Firmen sowie auf privaten Stiftungsgeldern. Staatliche Subventionen spielen eine sehr untergeordnete Rolle. Mir ging es darum, etwas über das „normale“ klassische Musikleben in den USA jenseits der „Leuchttürme“ Symphonieorchester herauszufinden. Die Triangel Area in North Carolina zwischen Durham, Chapel Hill und Raleigh bietet hier viel Stoff. Es gibt nicht nur das professionelle North Carolina Symphony Orchestra, sondern auch semiprofessionelle Orchester wie das Durham und das Raleigh Symphony Orchestra. Hier spielen Laien und freiberufliche Profi-Musiker, die oft gleichzeitig privaten Instrumentalunterricht geben, gemeinsam. Ich traf zunächst die Cellistin Jane Salemson, die neben ihrer Mitgliedschaft im Durham Symphony ein Unternehmen für Begräbnismusiken unterhält. Sie wies auf den relativen Wohlstand der Triangle Area hin und auf das hohe Bildungsniveau der Bevölkerung — was beides die dortige Klassikszene bisher gerettet hat. Dennoch laufen die Geschäfte auch für Janes kleines Unternehmen wesentlich schlechter als vor der Wirtschaftskrise. William Henry Curry, Chefdirigent des Durham Symphony, sieht die nächsten 20 Jahre als die entscheidenden des Klassiklebens in den USA an. Dann wird sich entschieden haben, ob die großen alten Symphonieorchester sich soweit neu erfunden haben, dass sie ein weiteres Absterben des Klassikpublikums verhindern können, dann wird sich auch entschieden haben, ob es neue Vermittlungsmethoden für die klassische Musik als solche gibt, die sie für ein junges Publikum interessant machen. Unsere Gruppe sprach unter anderem noch mit Phil Bennett, ehemaligem leitenden Redakteur der Washington Post und ebenfalls Journalismus-Professor am DeWitt Wallace Center. Phil zeigte relativ lebhaftes Interesse an meinem Thema und empfahl mir den U.S.-weit berühmten Konzertdramaturgen und Musikwissenschaftler Joseph Horowitz, Gründer des Post-Classical Ensembles in Washington D.C. Ihn traf ich in der folgenden Woche in New York, wo er mir einiges über seine Ideen, neues Publikum für klassische Musik zu begeistern und U.S.-amerikanische Werke dabei stärker zu betonen, erzählte. In New York hatte ich auch noch das Glück, mit Anastasia Tsioulcas zu sprechen, die den U.S.-weit zu lesenden Klassik-Blog des NPR schreibt. Hier erfuhr ich entscheidende Anregungen für mein eigenes Fortbestehen als klassischer Musikkritiker in Deutschland — falls ich an diesem Fortbestehen weiter interessiert sein sollte. Der Besuch bei Joseph und bei Anastasia war wie eine Quintessenz der Anregungen, die ich aus der U.S.-Medienszene mitgenommen habe. Bei aller pauschalen Skepsis gegenüber Google und sozialen Netzwerken, die gerade wir Deutschen haben, ist der selbstverständliche Umgang mit diesen neuen Informationssystemen in den USA schon verblüffend. Wer ihn erlebt hat, versteht, dass es tatsächlich möglich sein könnte, das alte Medium Zeitung durch Netzwerke wie Facebook oder Twitter zu ersetzen. Im Bereich der klassischen Musik wäre zumindest auszuprobieren, ob sich nicht die altehrwürdige Form der gedruckten Musikkritik (die erst zwei Tage nach dem Konzert erscheint), durch so etwas wie einen Blog ersetzen ließe. Wäre das so, so hätte das Kulturleben des „alten Europa“ einmal mehr von der technologischen Neugier und der Innovationskraft der U.S.-Gesellschaft gelernt — zu einem Zeitpunkt, zu dem dies kaum jemand mehr für möglich gehalten hätte. —————— Janek Wiechers Ankunft Ich bin gerade eben erst mit erheblicher Verspätung in Raleigh/Durham, North Carolina gelandet. Mein Anschlussflug in Philadelphia hat sich verzögert, da heftige Stürme die Flugpläne an der Ostküste durcheinandergebracht haben, und meine Maschine als Teil einer langen Perlenkette aus mindestens 30 wartenden Flugzeugen auf dem Rollfeld, erst als Nummer 23 starten kann. Eineinhalb Stunden später als geplant. Ich bin nach langer Reise entsprechend müde, es ist drückend heiß und sehr schwül, und das obwohl es bereits spät am Abend ist. Als ich aus dem schicken Terminal des Flughafens Raleigh/Durham trete, verflüchtigt sich die Wirkung des gut gekühlten Flughafeninnern innerhalb von Sekundenbruchteilen, und weicht einer feuchtwarmen Luft, die mich nun einhüllt und mir unmissverständlich klarmacht, dass die Wahl meiner Kleidung, die ich für meine Ankunft getroffen habe, vollkommen verfehlt ist. Doch auf meine Befindlichkeit nimmt die Realität jetzt keine Rücksicht. Eric, so heißt der schmächtige Mann, der seinen schwarzen Wagen unter dem Schild „Pre-arranged Services“ parkt, und Fahrer für die Duke University ist, verwickelt mich jäh und wissbegierig in ein Gespräch, das meine volle Aufmerksamkeit fordert, und das die plötzliche Aktivierung meines englischen Sprachzentrums nötig macht. Zum Teufel mit der Müdigkeit, dem Durst, dem Kragen der Jacke der am schwitzigen Hals klebt. „Wissen Sie, ich habe mal den Wagen voller Ärzte gehabt,“ plaudert Eric fröhlich weiter, während ich in die dunkle Nacht hinausschaue und erst einmal innerlich ankomme. „Die waren Teilnehmer eines Kongresses hier in North Carolina. Wir haben diskutiert über das amerikanische Gesundheitssystem. Meine Frage an die Mediziner war: Wenn Sie im Vorbeifahren am Straßenrand einen schwer verletzten Autofahrer sehen würden, wer von Ihnen würde anhalten und helfen?“ Draußen rauschen die gelben Markierungen des Freeways Richtung Durham vorbei. Weiße Buchstaben auf grünem Grund weisen den Weg — Chapel Hill ist zu lesen — „Ach ja, das ist ja auch hier,“ — Duke University Medical School, oder East Campus. Die Straßenschilder und die Anekdoten, die Eric mit leiser Stimme vorträgt lassen keinen Zweifel mehr. – Ich bin hier. In den Vereinigten Staaten. „Glauben Sie's? Von sieben Ärzten hat nur einer gesagt er würde anhalten und helfen! Und das war eine Frau — übrigens die einzige im Wagen. Alle anderen — durchweg Männer — sagten, sie hätten Angst man könnte sie verklagen, sollte bei der Lebensrettung des Verletzten etwas schief gehen. Das ist doch Wahnsinn finden Sie nicht?“ „Doch ja,“ murmele ich, versuche etwas Sinnvolles beizusteuern. Ich glaube es gelingt mir — denn Eric rutscht sichtlich vergnügt auf seinem Sitz hin- und her. Er fahre ständig Wissenschaftler, Politiker, Professoren und Gastredner aller möglichen Disziplinen durch die Gegend, plaudert er munter weiter. Da höre er eben viel, bekomme alles Mögliche mit. Positionen, Meinungen und Trends — da mache er sich eben so seine Gedanken, und er stelle stets viele Fragen, erläutert Eric, während er in eine Wohnsiedlung mit gelben und grünen Apartmenthäusern aus Holz einbiegt. The Forest sehe ich in metallenen Buchstaben an eine Mauer geschrieben: Hier werde ich also die kommenden Wochen wohnen. Ich habe keine Ahnung wo ich mich befinde – irgendwo im Wald. Der Name der Apartmentanlage ist Programm. Nachdem ich meine Koffer ausgeladen habe (Eric protestiert erstaunt als ich den Kofferraumdeckel von Hand schließen will; aber wie kann ich denn ahnen, dass sich die Tür — wie übrigens auch die seitlichen Schiebetüren des Autos — voll automatisch schließen?) und meinen Schlüssel in Empfang genommen habe, stehe ich in meinem Apartment. 1405 White Pine Drive. Ich versinke mit den Schuhen förmlich in den flauschigen Fasern des beigefarbenen Teppichbodens, der sich durch die Stimulation des Gleichgewichtssinns während des Transatlantikfluges unter mir zu heben und zu senken scheint. Das Blut rauscht in meinen Ohren, ich greife zum Türgriff des übermannshohen Kühlschranks der kleinen, voll ausgestatteten Küche. Im gleißenden Licht des Neonlichts erscheint eine Flasche Wasser, ein Apfel, eine Schale Hühnchensalat und ein Brötchen. „Das ist aber nett,“ sage ich leise zu mir selbst, um kurz darauf in ein großes schwarzes Ledersofa zu fallen. In der einen Hand die Flasche Wasser, in der anderen einen Müsliriegel, der neben einem Riesenstapel Broschüren und einer Telefonliste der anderen Programmteilnehmer, in einer Plastiktüte voller Kekse und Kräcker ebenfalls auf mich wartet. Ich fühle mich sehr willkommen. Draußen springt lärmend der Ventilator der Klimaanlage an. Das Geräusch direkt vor meinem Schlafzimmerfenster soll mich die nächsten Wochen zusammen mit dem wahnsinnigen Gekrächze der treefrogs, die wie Zikaden klingen, in den Schlaf vibrieren. Ich bin da. Die anderen Da ist Michael Schmidt aus Südafrika, früher Journalist, heute vor allem in der Lehre tätig. Als Leiter des Institute for the Advancement of Journalism in Johannesburg verfügt er über einen hervorragenden Überblick über den Zustand der Medienlandschaft und der politischen Rahmenbedingungen in seinem Land. Diese erschweren es Journalisten offenbar erheblich, ordentlich ihrer Arbeit nachgehen zu können. Was wohl der komplizierten Geschichte und gegenwärtigen Lage des Landes geschuldet ist. Von Michael Schmidt und einer weiteren Südafrikanerin aus Johannesburg namens Phathiswa Magopeni, die als Redakteurin für den Nachrichtensender eTV arbeitet, lerne ich während meines Aufenthalts in Durham, dass die südafrikanische Regierung derzeit mit einer Reihe umstrittener Gesetze — und von der Weltgemeinschaft weitgehend unbeachtet — versucht, die Pressefreiheit im Land auszuhöhlen. Überhaupt verstehe ich mehr und mehr, welche Herausforderung es für Journalisten in Südafrika ist, verschiedene Zielgruppen in einem geografisch, stammesgeschichtlich und sprachlich höchst heterogenen Land mit journalistischen Inhalten zu versorgen. Wie banal mir da die meisten Probleme erscheinen, denen ich mich bei meiner journalistischen Tätigkeit manchmal ausgesetzt sehe. Ebenfalls sehr viel Expertise zu Afrika insgesamt hat auch Philippe Bernard beizusteuern, langjähriger Afrika-Korrespondent der Zeitung Le Monde aus Paris. Philippe stellt sich als umtriebiger und kommunikativer fellow heraus, der nicht nur viele Kontakte zu Dozenten der Duke University besitzt, und als Moderator bei filmscreenings afrikanischer Filme oder Podiumsdiskussionen auf dem Campus glänzt, sondern der auch wegen seiner zukünftigen neuen Tätigkeit als Redakteur für U.S.-amerikanische Themen bei Le Monde, ein wunderbarer Gesprächspartner ist, um über Themen der Politik, Kultur, Geschichte sowie Landeskunde zu reflektieren. Matthias Nöther, neben mir der zweite deutsche Teilnehmer des Herbstprogramms des Duke Fellowships 2011, lerne ich als versierten Kollegen kennen, der durch ein profundes Wissen der klassischen Musikszene auffällt, und ähnlich wie ich, kulturelle Themen journalistisch bearbeitet. Matthias weiß zudem viel über Vorteile und Unbilden des Daseins als freier Mitarbeiter für die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland zu berichten. In vielen Gesprächen tauschen wir uns intensiv über unsere Erfahrungen aus. Alicia Sheppard, Journalistin, Dozentin verschiedener amerikanischer Universitäten, langjährige Ombudsfrau für den nationalen Senderverbund npr und angesehene Buchautorin über die Watergate-Affäre — sie glänzt mit Kontakten vor allem in die Medienszene, und sorgt — neben Laurie Bley unserer einmaligen Programmdirektorin — dafür, dass wir spannende Einblicke in Redaktionen von Zeitungen und Sendern der Hauptstadt Washington D.C. bekommen. Außerdem stößt zu unserer Gruppe dazu: Jessica Jones, die für den npr-Ableger WUNC Public Radio in Chapel Hill arbeitet. Sie ist ausgemachte Politikexpertin und Kennerin von npr und weist einen spannenden Lebenslauf, unter anderem mit langjährigen Aufenthalten im mittleren Osten, auf. Eine ganz andere, aber nicht minder spannende „Insidersicht“ auf die Medienlandschaft bietet uns Justin Blake aus New York City, der für Edelman, eine der renommiertesten Firmen im Bereich Marketing, Unternehmensberatung und Öffentlichkeitsarbeit tätig ist. Von ihm lernen wir welche Unternehmensphilosophie seine Kunden Starbucks oder Samsung verfolgen, und das sie hierbei nicht unerheblich den von Edelman gesteuerten Medienkonzepten vertrauen. Ab- und an stoßen auch Seung Ki Lee, bekannter Moderator und Medienkritiker aus Seoul, Südkorea, und Eduardo Morenco, Journalist aus Nicaragua, zu uns. Beide sind für mindestens ein Jahr mit Stipendien an der Sanford School und bereichern die Gespräche unserer Gruppe immer wieder mit Berichten und Besuchen. Über Seung Ki lerne ich viel über die reiche Medienszene Koreas, einem der Länder Asiens mit dem höchsten Bildungsstandard. Challenges Sessions Gelegenheit für mich, meine Arbeit für den NDR und für andere Sender der ARD darzustellen, den anderen zu erklären wie das öffentlich-rechtliche System in Deutschland funktioniert. Interessiert lauschen sie meinen Ausführungen darüber, dass ein Großteil des Programms von freien Mitarbeitern wie mir gestaltet wird. Auch berichte ich über umstrittene Beschäftigungsmodelle wie die befristeten Rahmenverträge beim NDR, die Journalisten in Zukunftsängste stürzen, und über deren Existenz sich selbst Amerikaner, die einiges an Hire-and-Fire-Mentalität gewohnt sind, wundern. Warum Freie trotz eines großen Erfahrungsschatzes, guten Kontakten und teuren Fortbildungen dennoch nach maximal 15 Jahren quasi entlassen werden, können auch die fellows aus den anderen Ländern nicht nachvollziehen. Wir diskutieren ferner die sinkenden Gebühreneinnahmen in Deutschland, sich wandelnde Radio-Formate, und vergleichen wie in unseren Herkunftsredaktionen über online content gedacht wird. Ein großes Thema — immer wieder. Die Duke University, und insbesondere das Sanford Institute mit ihrem DeWitt Wallace Center for Communications and Journalism als unser Gastgeber, verfügt über einmalige Kontakte zu Entscheidern aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, zu hochkarätigen Journalisten aus dem amerikanischen Inland und dem Ausland. Beeindruckend ist, dass etwa Phil Bennet, Professor an der Duke, und zudem Redakteur bei Frontline, einem investigativen Fernsehprogramm des public television, und bis vor kurzem noch führender Redakteur der Washington Post, in locker-plaudrigem Ton über seine Arbeit bei einer der bis heute angesehensten Zeitungen der Welt berichtet. Er macht uns klar: „Die Zeit der klassischen Medien ist vorbei. Das Internet mit seinen verschiedenen Plattformen und Möglichkeiten ist längst Realität.“ Eine Tatsache, so scheint mir bei meinem USA-Aufenthalt, die bei den Amerikanern ganz klar im Bewusstsein verankert ist. Die Zukunft gehöre neuen Technologien und neuen Wegen der Verbreitung medialer Inhalte, sagt auch Phil Bennett. Er war es, der maßgeblich die Digitalisierung der Washington Post auf den Weg brachte, die vor vier Jahren ihre gesamten Redaktionsstrukturen umkrempelte, um für die zunehmende Digitalisierung gewappnet zu sein — und um Geld einzusparen natürlich. In vielen Gesprächen, und durch die Vorträge der Experten, werde ich mir darüber klar: Die Amerikaner haben die Herausforderung wirklich angenommen, nämlich die digitale Medienwelt ohne Schranken zu bespielen. Wo man sich in Deutschland, nicht zuletzt auch wegen der Gebührendebatte — und den damit verbundenen Einschränkungen in der Verwendung der eingenommenen Gelder für die jeweiligen Kerngebiete Hörfunk und Fernsehen — den Sprung ins Internet nicht so glatt hinbekommt, gibt es in den Staaten etliche Beispiele wie die Digitalisierung erfolgreich sein kann. Ich denke dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen stehen die Amerikaner grundsätzlich äußerst aufgeschlossen neuen Technologien gegenüber. Wen verwundert es da, dass etwa 80 Prozent aller weltweit verkauften Tabletcomputer wie das iPad in den USA verkauft werden? Entsprechend reagieren auch die Medien und bereiten ihre Inhalte für die neuen Technologien auf. Zum anderen ist die amerikanische Medienlandschaft stärker noch als die europäische von finanziellem Gewinnstreben geprägt: Entrepreneurship ist das Zauberwort. Was Geld bringt wird vermarktet. Fast alle Zeitungen, Radio- und Fernsehsender nutzen inzwischen Plattformen wie Twitter und Facebook zusätzlich — aber gleichwertig — zu ihren etablierten Angeboten. „If something isn't working economically, it doesn't make sense,“ sagt Dick Schlossberg, einstiger Chefredakteur der Los Angeles Times und Vorstand der Kaiser Family Foundation, einer der einflussreichsten privaten Stiftungen in den USA. In der Challenge Session mit ihm kapiere ich beim brown bag lunch, (ein zwangloses Beisammensein bei dem — für europäische Gepflogenheiten ungewohnt – auch gegessen wird) welchen immensen Einfluss private Geldgeber nicht nur im Mediensektor in den Vereinigten Staaten haben, und wie wenig auf sie verzichtet werden kann, weil viele Projekte in einem sehr auf Freiwilligkeit setzenden System, besonders im sozialen Bereich, sonst nicht verwirklicht werden könnten. Auch Dick Schlossberg betont zwischen zwei Bissen chicken sandwich mit eisgekühlter dietcoke: „The future belongs to the internet“ — eine Aussage, die ich in ähnlicher Form noch häufiger höre in diesem Monat. Schlossberg weiß aber auch von den Schattenseiten zu berichten, die eine zunehmende Elektronisierung des Mediensektors mit sich bringt. Das Verschwinden immer mehr regionaler und lokaler Zeitungen etwa — weil sich mit ihnen kein Geld mehr verdienen lässt — erzeuge auch ein demokratisches Vakuum, weil sich die Rolle der lokalen Medien als Wachhund der Herrschenden nach und nach in Luft auflöse — „eine bedenkliche Entwicklung,“ findet Dick Schlossberg. Und tatsächlich, so berichtet uns Fiona Morgan, die im Auftrag des Sanford Institute über den Zustand der Medienlandschaft in den USA, und vor allem der in North Carolina forscht, gehe der Einfluss lokaler Medien immer mehr zurück. Die gegenwärtige Medienlandschaft sei in einem immensen Veränderungsprozess, bestätigt auch Kevin Eckstrom, Leiter des Religion News Service. Während unserer Zeit an der Duke University hält die landesweit agierende Organisation Religion News Writers Association eine Konferenz in Durham ab. Eckstrom und seine Kollegen betreiben eine Nachrichtenagentur, die sich ausschließlich mit Themen zu Religion und Kirche in den USA beschäftigt. Als vor einiger Zeit die New York Times als wichtiger, dauerhafter Abonnent absprang, musste sich seine Organisation einen neuen Geldgeber suchen — derzeit finanziert ein Pharmakonzern die Arbeit des Religion News Service. In Deutschland wäre das in dieser offensichtlichen Form vermutlich undenkbar. Aber — und das war mir so vollkommen neu — amerikanische Unternehmen können in nicht unerheblichem Masse Spenden an gemeinnützige nonprofits steuerlich abschreiben, sind gesetzlich gar verpflichtet einen bestimmten Anteil ihrer Gewinne an sie abzugeben. Und das bedeutet, das Projekte und nonprofits überhaupt erst ins Leben gerufen werden können. Dass es bei der Vergabe keine inhaltlichen Vorgaben über die genaue Verwendung der Gelder geben darf — und im Falle der Religon News Writers durch das Unternehmen Lily (ironischerweise der Hersteller des in den Staaten stark verbreiteten Antidepressivums Prozac) nach Worten von Kevin Eckstrom auch nicht gibt — ist für mich zunächst einmal schwer zu glauben. Hier zeigt sich eine gänzlich andere Finanzierungskultur als bei uns. Bei der Generierung finanzieller Töpfe scheinen U.S.-Amerikaner weniger Scheuklappen und Bedenken zu haben als „wir.“ Spannend ist auch der Besuch von Sarah Cohen, Professorin am DeWitt Wallace Center, Rechercheexpertin, Mitarbeiterin der Washington Post und dort für investigative Reportagen zuständig. Sie hat sich spezialisiert im Auffinden und Entschlüsseln von Daten, Akten und anderen Materialien. In den USA muss — zumindest theoretisch — alles was in irgendeiner Form dokumentiert wird (etwa Gerichtsprotokolle, Aufzeichnungen von Gesetzesverhandlungen, und so weiter) an die Öffentlichkeit gegeben werden. Zwar sind etwa Behörden, wie ich lerne, nicht der Presse auskunftsverpflichtet, aber Dokumente müssen grundsätzlich herausgegeben werden. (In Deutschland besteht ein entsprechender Anspruch nach dem Informationsfreiheitsgesetz grundsätzlich nur gegenüber Bundesbehörden und dies häufig auch nur unter sehr engen Voraussetzungen.) Und so komme Aufzeichnungen jeglicher Art eine ungeheurere Bedeutung bei der journalistischen Arbeit zu, erklärt Sarah Cohen. Ich finde es sehr erstaunlich als sie schildert, dass etwa in der Übergangsphase von einer Administration in eine neue, zumeist sämtliches Aktenmaterial an die Presse gegeben wird. Und so werde häufig pro forma alles aufgenommen was gehe, so Cohen. Denn man wisse nie wie sich das Material noch einmal verwenden lässt. Richtig interpretiert ließen sich so eine Vielzahl an Geschichten und Themen generieren, sagt die Pulitzer-Preisträgerin. Bei der Analyse tausender Daten eines staatlichen Subventionierungsprogramms für Landwirte habe sie beim Abgleich mit anderen Datensätzen zum Beispiel festgestellt, dass etliche Menschen in mehreren Bundesstaaten der USA zu Unrecht Gelder bekommen hatten. Denn sie betrieben gar keine Farmen. Die umfängliche Recherche Cohens und ein anschließender Bericht der Washington Post haben zur Aufdeckung eines umfassenden systematischen Betrugs mit Subventionen in den USA geführt. Sarah Cohen, die Rechercheexpertin engagiert sich zudem in einer Reihe von Netzwerken zur Förderung des investigativen Journalismus. Sie schärft uns ein, dass ein Journalist im Umgang mit den „Mächtigen“ äußerste Vorsicht und Neutralität zu wahren habe. „Klar,“ denke ich. „So sollte es eigentlich immer sein.“ Aber für meine persönliche Arbeit im Umgang mit Behörden und Politikern hat sich an der Duke University noch einmal das Bewusstsein dafür geschärft, dass jede auch noch so kleine Äußerung — und sei es auch nur die eines Stadtrates einer kleinen niedersächsischen Gemeinde, oder die eines Oberbürgermeisters — zu einem ganz bestimmten Zweck erfolgt. Mir gefällt besonders jener Satz Sarah Cohens in dem es sinngemäß heißt: „Every reporter who repeats something from a powerful person should stop doing that, and instead do something else to tell his story. Because especially politicians have numerous ways to get their messages out anyway. But a reporter is not there to make those messages go out there.“ Das leuchtet mir sehr ein — und ich hoffe Sarah Cohens Ermahnung zukünftig noch bewusster auch unter Zeitdruck, oder trotz des Mangels an alternativen Quellen, beherzigen zu können. Häufiger Blickwinkel einzunehmen, die sich von jenen unterscheiden, die sich in den täglich Arbeitsabläufen einer Redaktion zwar nicht zu Pulitzerpreis-verdächtigen Ideen auswachsen müssen, aber ausgetretene Pfade des Erzählens einer Geschichte oder eines Sachverhalts zu verlassen, das kann der eigenen Arbeit sicher gut tun. Insofern beweist sich hier einmal mehr welche Chance das exzellente Duke Media Fellowship mit sich bringt, nämlich einmal zurücktreten zu können und kritisch das eigene Tun als Journalist zu hinterfragen und neu zu bewerten. Auch habe ich mich das ein oder andere Mal gerne einfach schlicht begeistern lassen während der vier Wochen. Fasziniert war ich etwa vom Auftritt Robert Gibbs, der vor kurzem als Pressesprecher des Weißen Hauses zurückgetreten ist (oder wurde...?). Unter dem vielleicht etwas reißerischen, aber umso plakativeren Titel, „Communicating through the chaos“ konnten wir einen spannenden wie unterhaltsamen Vortrag Gibbs in einem altehrwürdigen Auditorium der University of North Carolina im benachbarten Ort Chapel Hill verfolgen. Darin legte er in blumigen Worten und manch scherzhaftem Einfall dar, wie es ist, in schwierigen Zeiten und unvorhersehbaren Momenten (Bankencrashs, explodierten Ölbohrinseln, durchgedrehten Pastoren, die drohen den Koran anzuzünden, bei Kriegen und Terroranschlägen) einen kühlen und klugen Kopf zu bewahren, und die Position des Präsidenten und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika glaubhaft und standhaft zu vertreten. Beeindruckt war ich von Gibbs Fähigkeit, mit einer auf den ersten Blick vielleicht etwas unangebrachten Portion Humor, auch schwierige Fragen von Journalisten zu beantworten. Beim anschließenden Question and Answer gibt Gibbs zu, dass seine Fähigkeit Humor gezielt einzusetzen, manch heikle Situation habe retten können. Und ich sehe ein, dass diese slickness, diese für manchen Europäer doch arg jovial erscheinende amerikanische Lockerheit, durchaus eine große Fähigkeit ist. Robert Gibbs jedenfalls beherrscht das Spiel mit der Öffentlichkeit perfekt. Und das „Publikum“ im Saal in Chapel Hill liebt ihn dafür. „Alles schon Wahlkampf,“ bemerkt Philippe lakonisch als wir gen Durham aufbrechen. Auf der Rückfahrt durch stockfinstre Wälder komme ich ins Grübeln. So wie vieles an der amerikanischen Kultur manchmal seltsam cool, zunächst möglicherweise oberflächlich wirkt, leuchtet doch aus allem eine große Professionalität hervor, eine Art Leichtigkeit im Umgang der Menschen miteinander, deren Abwesenheit in Deutschland mir schon wenige Minuten nach meiner Rückkehr deutlich auffallen wird. Duke Und man spürt: die Duke University ist teuer — mit bis zu 50.000 Dollar pro Jahr eine der teuersten Privatunis der USA. Dafür wird einiges geboten: kleine Klassen, stets offene Türen zu den Büros der Professoren, üppig ausgestattete Bibliotheken, die bis spät in die Nacht hinein geöffnet sind, und in denen neben Büchern auch die neusten iPads, und iPods ausgeliehen werden können. Auch hier zeigt sich wieder jene Offenheit neue Technologien vorbehaltlos zu integrieren — auch in den Lehrbetrieb. Jeder noch so verwinkelte Ort des Unigeländes ist mit Highspeed-W-LAN ausgestattet. Und ich habe noch nie so viele Mensen, Cafeterien und Läden auf einem Campus gesehen wie in der Duke University. Service wird großgeschrieben, die Studenten sollen sich wohl fühlen. In den Bibliotheken, im student center, in den Mensen — überall fletzen sich junge Studierende in bequeme Ohrensessel — den obligatorischen iMac auf den Knien. Von schluffig-studentischem Abhängertum jedoch keine Spur: Wer 50.000 Dollar berappen muss, oder ein Stipendium ergattert hat, der studiert zumeist sehr gezielt. Alles wirkt sehr emsig, die starke competetiveness an den amerikanischen Eliteschulen ist auch hier nicht zu übersehen. Schließlich garantiert ein erfolgreich abgeschlossenes Studium fast zwangsläufig eine gut dotierte Karriere in Wirtschaft oder Politik. Professoren und Tutoren sind stets ansprechbar, Gespräche zwischen Lehrenden und Studenten sind allgegenwärtig: In Kleingruppen, zu zweit, auf Rasenflächen, beim Blick in die oft engen Büros der Institute — überall hört und sieht man sie. Gesprochen wird viel. Professoren, die sich rar machen, nur noch ihrer eigenen Forschung nachgehen oder miserable Sprechzeiten anbieten: an Hochschulen wie der Duke, die einen weithin sehr guten Ruf genießt — undenkbar. Auch hier wieder diese sehr kommunikative Stimmung, die mir immer und immer wieder in den USA auffällt. Das ist auch am DeWitt Wallace Center der Sanford School so — bei Fragen stehen einem die Lehrenden stets zu Verfügung. Ins Gespräch kommt man schnell: Nach kurzer gegenseitiger Vorstellung bin ich zum Beispiel schon nach wenigen Minuten mit einem Professor für Kunstgeschichte in ein Gespräch vertieft. Er leitet ein interessantes Projekt, das verschiedene Disziplinen des Design, der Kunst und der Technologie zusammenführt und gemeinsame Schnittmengen ausloten soll. Im imposanten ehemaligen Fabrikkomplex der American Tobacco Company in downtown Durham treffen sich Studenten und Professoren der Visual Studies Initiative in den großzügig geschnittenen Produktionshallen der einstigen Zigarettenfabrik. Der ganz neue Lehrstuhl sei exemplarisch für Duke sagt der Professor — neue Ansätze würden gerne unterstützt. Wenn eine Idee vielversprechend sei, gesellschaftliche und marktwirtschaftliche Chancen aufgreife, dann mache Duke solche Projekte unbürokratisch und mit genügend finanziellem Back-Up möglich, schwärmt er. Laurie Exkursion I: New Orleans Zeitgleich kommen auch die U.S.-amerikanischen media fellows des Deutschland-Programms der RIAS Berlin Kommission zu ihrem alle fünf Jahre stattfindenden Treffen zusammen. Rainer Hasters, Verwaltungs-Direktor der RIAS Berlin Kommission, Kommissionsmitglied Frau Dr. Hildegard Boucsain, und Professor Charles Hermann von der A&M University als Festredner, halten Vorträge. Und es ist eine Vielzahl ehemaliger RIAS fellows gekommen; mehr als hundert an der Zahl. Eine reception und ein brunch geben reichlich Gelegenheit zum Austausch. Eine Veranstaltung, die mir deutlich vor Augen hält, wie dicht verzweigt das Netz des RIAS in den USA und in Deutschland gespannt ist. Spannende Gespräche und Kontakte sind so möglich. Fasziniert lausche ich etwa den Stories einer ehemaligen Redakteurin der New York Times und jetzt Producerin beim Fernsehsender NY 1 News. Sie berichtet mir aus ihrem reichen Erfahrungsschatz als Autorin. Etwa jene Anekdote, dass sie es als eine ihrer schönsten journalistischen Erfahrungen ansieht, Henry Kissinger zum Weinen gebracht zu haben. Eine Reaktion mit der sie am aller wenigsten gerechnet habe. Offenbar habe sie wohl die richtigen Fragen gestellt, erzählt sie mir augenzwinkernd und nicht ohne sichtlichen Stolz. Auch das ist Amerika — unprätentiös, aber selbstbewusst im Umgang mit Autoritäten. Die Geschichte der New Yorker Journalistin imponiert mir. Neben den beiden Treffen des RIAS können wir Duke fellows zudem fast alle Vorträge und Workshops der RTDNF-Konferenz im etliche hundert Zimmer zählenden Sheraton Hotel besuchen, dessen Suites mit Fenstern bis zum Fußboden, besonders nachts in den höher gelegenen Stockwerken, einen imposanten, mir unvergesslichen Blick über die Metropole tief im Süden der Vereinigten Staaten ermöglichen. Überhaupt New Orleans: Dass ich Dank des fellowships die Gelegenheit bekomme in die Atmosphäre dieser Stadt mit ihrer ganz eigenen Stimmung einzutauchen, empfinde ich als großes Geschenk. Besonders nachts entfaltet die Stadt eine ureigene, fast fiebrige Anmutung, die sich aus der Musik dutzender Jazzkneipen, Bands auf den Straßen, der bunten Mischung französischer, afrikanischer und karibischer Einflüsse, und nicht zuletzt durch das schwül-heiße Klima, speist. Eine wunderschöne Stadt. Eine die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlässt — auch wegen der pittoresken Architektur, die einen historischen Geist atmet, der mir in dieser Form bisher aus den USA unbekannt ist. Es gibt Straßen, in denen wähnt man sich jäh im Süden Frankreichs oder Italiens, so europäisch kommt einem alles vor. An der nächsten Straßenecke sieht dann plötzlich wieder alles ganz anders aus, wenn man etwa vor beeindruckenden warehouses aus rotem Klinker steht, die von der einstigen industriellen Stärke des Südens zeugen. Zeiten in denen der Anbau von Baumwolle und Zuckerrohr der Gegend zu prächtigem Wohlstand verhalfen. Mit die beeindruckendsten Stunden in New Orleans erlebe ich während einer Autofahrt in das südliche Umland der Stadt. Alicia, Philippe, Matthias und ich wollen mit eigenen Augen sehen, wo der verheerende Hurrikan Katrina im Jahre 2005 das Land verwüstet, und Menschen ihrer Behausungen beraubt hat. Wir fahren durch Gebiete wie St. Bernard, Poydras und den Lower Nineth Ward — Gemeinden, die am schlimmsten von der Katastrophe heimgesucht wurden. Eingeklemmt zwischen dem Lake Borgne — einem Ausläufer des Golf vom Mexiko — dem mächtigen Mississippi, Kanälen und einer Vielzahl kleinerer Seen, gab es für die Menschen kein entrinnen vor den Wassermassen. Wir sehen noch immer halb verfallene Häuser, die deutlich die Schäden der Katastrophe aufweisen, und neigbourhoods, die teilweise halb zugewachsen sind, weil die Besitzer der Häuser wegen Geldmangels nicht zurückgekehrt sind. Während andere wiederum in den halb verwaisten Wohngebieten auf den Ruinen einen Neuanfang gewagt haben. So wie jene Besitzerin eines Gemischtwarenladens am Highway 624, dem Hopedale Highway, in dem es von Hotdogs, über Gummistiefel und Angelhaken alles zu kaufen gibt, was man in der vom Wasser und vom Fischfang dominierten Gegend zum Leben braucht. Es ist der einzige Laden weit und breit. Fasziniert und geschockt hören wir, wie das Wasser meterhoch kam und alles mit sich riss — von 700 Häusern seien gerade mal sieben stehen geblieben, erzählt die Ladenbesitzerin. Mit dem Geld der Sturmversicherung hat sie ihren Laden wieder aufgebaut. Für ein Haus hat das Geld nicht mehr gereicht. Jetzt wohnt sie in einem Wohnwagen, direkt neben ihrem Geschäft. Zusammen mit mehreren Hunden, Katzen, Papageien und anderem Getier. Ihr kranker Mann, den sie pflegt, außerdem. Auf ihrer Flucht vor der Katastrophe habe sie alle ihre Mitbewohner in ein Auffanglager mitgenommen, berichtet sie stolz. Wie sie das rein logistisch bewerkstelligt hat, bleibt uns allen ein Rätsel. Uns beeindruckt der Überlebenswille der Menschen. Auch als wir auf der Rückfahrt in einer ausschließlich von Schwarzen bewohnten nagelneuen Wohnsiedlung anhalten, um zu sehen, was es beim von ihnen abgehaltenen streetsale zu entdecken gibt. Wir werden freundlich begrüßt, und man erzählt uns nicht ohne Stolz, dass alle Bewohner inzwischen zurückgekehrt sind und ihre Häuser wieder aufgebaut haben. Zu unserem Bedauern müssen wir die nasstropfenden, fangfrischen Riesengarnelen ablehnen, die uns zu einem unglaublich guten Preis zum Kauf angeboten werden. Ohne adäquate Zubereitungsmöglichkeit wären sie auf der Rückfahrt verdorben. Wir fahren weiter, nachdem wir unter großem Hallo die Adressen ausgetauscht haben. Beim nächsten Mal, so verspricht man uns warmherzig, da würden uns die besten shrimp unseres Lebens zubereitet. Wir haben nicht das Gefühl, dass es leere Worte sind. Wir werden aber noch zu einem typischen diner geschickt: „Louisiana style.“ Wir sollen Ausschau halten nach Charlie's. Da gebe es die besten Po'Boys der ganzen Gegend — belegte Brote mit reichlich shrimp oder wahlweise Alligatorwurst, mit reichlich Mayonnaise und gebratenen Zwiebeln. Wir finden den Laden, halten an, und probieren beides. Es schmeckt intensiv. Lecker und fremdartig zugleich. Die Portionen sind riesengroß und kaum zu schaffen. Nicht zum letzten Mal auf dieser Reise bestellen einige von uns einen doggy bag. Und ich denke mit vollem Magen, dass ich zurückkommen möchte — für eine Reportage über die Menschen. Exkursion II: Washington D.C. Bereits beim Einfahren fällt uns die fast europäische Atmosphäre der Stadt auf — es ist zum einen die Art wie die Menschen gekleidet sind, zum anderen die vielen deutschen Fabrikate unter den Autos, die sich durch die manchmal recht engen Straßen der Stadt schieben. Auch wirkt alles viel kleiner als im Fernsehen oder im Kino. Selbst das Weiße Haus, die Mall und das stattliche Kapitol — all das hat eine weitaus beschaulichere Dimension als erwartet. Unser Hotel liegt im edlen und lebendigen Nordwesten der U.S.-Hauptstadt, in dem viele Botschaften angesiedelt sind, Anwaltskanzleien und Institute aus Wissenschaft und Gesellschaft. Schon bald haben wir uns in die Carlyle Suites auf der New Hampshire Avenue einquartiert, eine Herberge, die zwar im Laufe der Jahrzehnte nicht immer ganz stilecht renoviert zu worden sein scheint, aber noch immer deutlich erkennbar Stilelemente des Art Deco aufweist — silberne Stuckbordüren, schwere Spiegel, schwarze Marmorfußböden. Ich denke unwillkürlich an alte Hollywoodfilme aus den 40er Jahren, hard-boiled detective stories, an harte Typen mit Hut und Zigarette im Mundwinkel, die mit Schuhen auf dem Bett rumhängen, eine glitzernde Knarre neben sich auf dem Kissen. Dazu spielt Jazz. Cooles Zeug, Jazz wie er auch in Wirklichkeit rund um die Uhr in der Lobby der Carlyle Suites aus den Lautsprechern plätschert. Wir machen uns nach kurzer Verschnaufpause auf zu unserer ersten Besuchsstation. Die Washington Post ist ein schmuckloser Betonbau, der wie viele der neueren Gebäude in Washington D.C., wenig Charme versprüht. Nachdem jeder eine scanbare Besucherplakette mit Barcode ans Revers geklebt bekommen hat, treten wir ein in die heiligen Hallen einer der medialen Institutionen in den USA, eine die nach wie vor für investigativen Qualitätsjournalismus per se steht. Mich erfasst so etwas wie ein Gefühl von Ehrfurcht. Es gilt wie überall im Gebäude auch auf der Redaktionsetage strengstes Fotografierverbot. „Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und den Fällen von Briefen mit Anthraxerregern im selben Jahr ist hier nichts mehr so wie früher,“ klärt uns Patrick Pexton, Ombudsmann der Washington Post auf, der uns durch die Räume des grauen Klotzes an der 15ten Straße führt. Jeder Brief, jedes Paket werde in der speziell gesicherten Poststelle geöffnet und eingehend inspiziert, bevor sie an die jeweiligen Adressaten gingen, schildert Pexton. Eine Tageszeitung als Hochsicherheitstrakt — „verrückt,“ denke ich noch. „Es ist doch nur eine Tageszeitung.“ Die Hauptredaktion ist ein schmuckloses, funktionales und fensterloses Großraumbüro. Nur die Ressortleiter genießen etwas Abgeschiedenheit in verglasten Einzelbüros, die an den Fensterseiten des Gebäudes liegen. Es herrscht konzentrierte Stille in der Redaktion; überall sitzen Redakteure vor Computerbildschirmen — von denen es viele gibt in dieser Redaktion. Traditionelle Zeitungsredakteure, Online-Redakteure, Grafiker und Redakteure, die für neue Internetplattformen wie Twitter oder Facebook verantwortlich zeichnen, sitzen hier auf einer Etage in einem gemeinsamen Büro zusammen. Neuerdings arbeiten die Redakteure in sogenannten Teams. Das ist erst seit kurzem so. Vor knapp vier Jahren hat sich die Washington Post eine radikale Rosskur verordnet — um zu sparen und um moderner zu werden. Rund 400 Redakteure mussten gehen, Redaktionen wurden verkleinert und zusammengefasst, neue Ressorts geschaffen. Das Ziel: gewappnet zu sein für die Herausforderungen des Internetzeitalters. Wie alle Zeitungen auf dem nordamerikanischen Kontinent hat auch die Washington Post mit stets sinkenden Leserzahlen zu kämpfen. Deshalb gibt es neben der täglichen Printausgabe auch permanent aktualisierten online content. Was heute zählt seien nicht nur Leserzahlen, sondern vor allem Klicks, sagt Patrick Pexton . Daran lasse sich jetzt der Erfolg einer Medienunternehmens ablesen. Für mich ist spannend, wie die Post ihre Themen über den Tag hinweg platziert: Kommt eine Neuigkeit auf, wird sie sofort nach Bekanntwerden zunächst „getwittert.“ Einige Zeit später erscheint eine etwas längere Notiz bei Facebook oder in einem Blog. Dann veröffentlicht die Washington Post in ihrer Online-Ausgabe einen ausführlicheren Bericht. Und in der gedruckten Ausgabe der Zeitung gibt es dann „die ganze Geschichte,“ mit ausführlichen Hintergründen. Alles müsse heute viel schneller gehen als zu Zeiten der alleinigen Printausgabe, sagt uns ein Redakteur. Er räumt ein, dass nun sogar häufiger Fehler passieren. Im Umgang mit den neuen und wesentlichen schnelleren Medien müsse dabei mehr denn je auf sorgfältige Angabe der Quellen geachtet, und bei unbestätigten Berichten vorsichtig formuliert werden. Auf meine Nachfrage hin, ob es nicht wahnsinnig stressig sei, immer die Zeit im Blick zu haben, und die verschiedenen Internet-Plattformen bedienen zu müssen, gibt er unumwunden zu, dass das so sei. Aber: Die Washington Post hat mit ihrem radikalen Umbau wie gesagt den Sprung ins elektronische Zeitalter geschafft; die Zahl der Klicks im Internet gibt dem Unternehmen recht. Weil sie sich um das Onlinegeschäft kümmert, und Dank des guten Namens, hat sie im Moment rund 750.000 Leser der gedruckten Ausgabe. Denn auch die wird weiterhin gelesen. Tradition und Moderne im Journalismus gehen bei der altehrwürdigen Washington Post eine, wie es scheint, harmonische Verbindung ein. Und es ist sogar noch Platz für Dinosaurier: Als wir im gläsernen Besprechungsraum zusammen sitzen, geht draußen von den meisten in der Gruppe unbemerkt, langsamen Schrittes ein älterer Herr mit schneeweißem Haar vorbei. Später erfahre ich, dass es sich dabei um Ben Bradlee handelt. Er komme jeden Tag vorbei und arbeite für mehrere Stunden, erfahren wir. Der legendäre Redakteur, ehemaliger Chef der Watergate-Aufdecker Carl Bernstein und Bob Woodward, ist inzwischen 90 Jahre alt und hat noch immer einen Schreibtisch bei der Post. Er kommt jeden Tag zur Arbeit. Eines der für mich erstaunlichsten Erlebnisse in Washington D.C. ist der Besuch der Redaktion von Aljazeera English. In einem unscheinbaren Bürogebäude quetschen sich auf zwei engen Etagen Redaktion, mehrere Studios, Regie- und Schneideräume. Die auffallend vielen jungen Leute die hier arbeiten produzieren Berichte aus Nordamerika für den englischsprachigen Ableger des arabischen Fernsehsenders — für Zuschauer auf der ganzen Welt. Nach Jahren der Skepsis bis offenen Feindlichkeit in der post-9/11-era gegenüber den Reportern des Senders, der von vielen Amerikanern auch heute noch als Sprachrohr Osama Bin Ladens gesehen wird, ist der Sender peu-à-peu dabei, sich als ernstzunehmende Alternative zu sonstigen Medien in den USA zu etablieren. Für ihn sei Aljazeera jedenfalls der derzeit einzige Fernsehsender in den USA, der für sich in Anspruch nehmen dürfe, wirklich neutral und ausgewogen zu berichten, sagt uns ein junger Redakteur. Wenn es denn im Fernsehen so etwas wie Objektivität überhaupt gebe, dann erfülle sich diese wenn überhaupt nur im Programm von Aljazeera, zeigt sich der Redakteur überzeugt. Er hat einen Abschluss der renommierten School of Journalism der Columbia University in New York. Keine politische Richtung, kein kommerzieller Druck, dafür eine sehr diversifizierte Zuschauerschaft, die mit den Vorgängen in den USA meist nicht vertraut sei, und der man etwa Politik oder gesellschaftliche Phänomene in dem riesigen Land viel grundsätzlicher und ehrlicher erklären müsse — all das zusammen genommen mache die Arbeit bei Aljazeera so spannend, sagt der junge Redakteur — ein U.S.-Amerikaner mit iranischen Wurzeln. Aljazeera lasse seinen Reportern absolut freie Hand erklärt uns auch Sophia Qureshi., Sprecherin von Aljazeera English in den USA. Wie fast alle die dort arbeiten, spricht auch sie fließend Arabisch. Auch Josh Rushing spricht ziemlich gut Arabisch. Josh ist so etwas wie eine Kultfigur des neuen amerikanischen Journalismus. Er ist zufällig im Hause und kommt spontan vorbei. Ein jungenhafter, kräftiger Mann, mit stechend blauen Augen im bärtigen Gesicht, das dem des Schauspielers Daniel Craig sehr ähnelt. Er lässt die beturnschuhten Füße baumeln als er sich auf einen Tisch setzt und seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die ihn auf die Titelseite des Time Magazine gebracht hat, Einladungen zu Fernsehtalkshows im ganzen Land bescherte, und ein Lob von Hillary Clinton einbrachte. Josh hat seine ungewöhnliche Story schon sehr oft erzählt, aber er schildert sie für uns noch einmal, und er erzählt sie so frisch und so neu, als hätte er sie noch nie erzählt. Es ist fast ein modernes Märchen. Josh ist seit seinem 17. Lebensjahr bei den Marines, der Eliteeinheit des amerikanischen Militärs. Ein harter Kerl also. Nach einigen Jahren will er mehr, studiert, macht einen Abschluss in Kommunikation. Er wird bei der Invasion des Iraks als Militärsprecher in den mittleren Osten geschickt. Dort lernt er Reporter von Aljazeera kennen und schätzen. Er begreift: Der Sender genießt nicht nur einen hervorragenden Ruf bei den Einheimischen, Josh findet auch, dass die Reporter des Senders gute Arbeit leisten. Und Josh Rushing weiß, das amerikanische Militär kommt nicht umhin, sich mit den Reportern gut zu stellen. Er bittet General Tommy Franks als Zeichen des guten Willens und als versöhnliche Geste der Amerikaner, bei den regelmäßig abgehaltenen Pressekonferenzen des Militärs die Leute von Aljazeera bewusst die erste Frage stellen zu lassen — traditionell eine besondere Ehre für einen Medienvertreter. „Klar mach ich gerne,“ habe Franks ihm geantwortet, erzählt Josh und schüttelt dabei angewidert den Kopf — als könne er es auch Jahre später noch immer nicht fassen — „nachdem ich dem Aljazerra-Reporter den Kopf abgehackt und in seinen Hals geschissen habe.“ Da habe er etwas begriffen, so Josh. Und zwar dass etwas fundamental schief läuft im Irak und die Haltung der Amerikaner eine eindeutig falsche ist. „Die Herzen der Menschen im Irak sind so jedenfalls ganz sicher nicht zu gewinnen,“ weiß er damals. Als er zudem wegen kritischer Äußerungen in einem Dokumentarfilm (Control Room) massiv vom Pentagon unter Druck gesetzt wird, man ihm verbietet weiter mit Medienvertretern zu sprechen, zieht Josh weitreichende Konsequenzen. Obwohl dabei seine gesamte Pension flöten geht, beschließt er den Marines den Rücken zu kehren. Der mehrfache Vater quittiert den Dienst, ist rund ein Jahr lang arbeitslos. Dann beschließt er einen ungewöhnlichen Schritt: Er heuert bei Aljazeera an und wird mit offenen Armen empfangen. Inzwischen ist Josh Rushing eines der wichtigsten Gesichter des Senders Aljazeera English, hat eine eigene Talkshow, macht sich einen Namen mit preisgekrönten Reportagen und wird weltweit als Reporter eingesetzt. So schwer es auch war, er habe seine Entscheidung nie bereut, beteuert Josh. Wie er das sagt, überzeugt mich. Und mir fällt erneut auf, dass er, und alle anderen mit denen wir bei Aljazeera sprechen, glaubhaft bekunden, sehr gern bei dem Sender zu arbeiten. „Was wird uns wohl erwarten,“ denke ich, als wir mit der roten Metrolinie Richtung Arlington, etwas außerhalb Washingtons, fahren. Der Zug verlässt für einen Moment den U-Bahn-Tunnel um über eine Brücke den mächtigen Potomac zu queren. Beim Blick über den Fluss erscheint in der Ferne der mächtige Bau des Pentagon. An der gleichnamigen Station steigen wir aus. Am Ende der Rolltreppe erwarten uns bereits Sicherheitsleute. Ein paar Meter weiter werden wir durch Container geschleust, in denen Militärs in Uniform die Besuchergruppen wie am Flughafen durch Metalldetektoren schieben, unsere Taschen röntgen, und uns auffordern uns zweifach auszuweisen. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie Philippe, unser französischer Freund von Le Monde, von einem strengen Beamten zur Seite genommen wird. Ich höre wie er Philippe fragt, ob er gerade eben an der Rolltreppe der U-Bahn fotografiert habe. „Yes, why,“ höre ich den Franzosen verzagt antworten. Den Rest des Gesprächs höre ich nicht mehr — wir werden weitergeschoben. Draußen vor dem Container warten wir auf den Zurückgebliebenen. Es dauert eine ganze Weile bis er nachkommt. Seine Kamera hat er noch. Aber das Foto habe er unter den Augen des strengen Soldaten löschen müssen, berichtet Philippe aufgeregt. Hier im Pentagon, das wird uns klar, herrscht Sicherheitsstufe 1. Oberhalb der Treppe, die ins Innere des Verteidigungsministeriums führt, überwacht ein in grüne Kampfmontur gehüllter Posten alle, die ein- und ausgehen. In der Hand ein offensichtlich geladenes Maschinengewehr, jederzeit bereit es einzusetzen, wenn es darauf ankommt. Mich beschleicht ein unbehagliches Gefühl, das ich mich von nun an für die Dauer des gesamten Besuchs des Pentagons begleiten wird. Bevor wir von David Oten, einem hochrangigen Pressemann des Pentagon, tiefer in den verwinkelten Gebäudekorpus hineingeführt werden, kaufen wir uns alle einen Kaffee. Bei Starbucks! Ich kann es nicht glauben: hier in der Keimzelle der Kriegsmaschinerie der USA, scheinbare Normalität. Neben Filialen fast aller großen Fastfood-Ketten gibt es auch ein Einkaufszentrum, Frisörgeschäfte und Bankautomaten im Pentagon. Das hatte ich mir alles vollkommen anders vorgestellt. Aber klar, hier arbeiten zehntausende Menschen erfahren wir — ein riesiger Apparat, der nicht nur aus einigen hochrangigen Militärs besteht, die Pläne für Feldzüge schmieden. Alles ist natürlich viel komplexer, vielschichtiger. Vor allem ist das Pentagon eine riesige Verwaltung, in der ganz normale Menschen arbeiten. Ich werde mir darüber klar, dass alles was ich vom Pentagon kenne, ausschnittshafte Einzelheiten aus Geschichtsbüchern, den Medien und aus Hollywoodfilmen sind. Was das Pentagon wirklich ist, das weiß ich allerdings auch nach meinem Besuch nicht. Ich werde auch nicht schlauer als ich von David Oten höre, dass das Pentagon den gesamten Erdball in Sektoren aufgeteilt hat. Ein für uns merkwürdiger — ein durchweg militärischer — Blick auf die Welt, bemerken wir media fellows später. Als wir uns Latte Macchiato schlürfend im Atrium des Pentagon auf die Liegestühle setzen, die dort überall herumstehen, und die so „herrlich bequem“ seien, wie uns unser Guide David Oten sagt, komme ich mir deplatziert vor. Ich kann mich meines Gefühls nicht erwehren: Irgendwie erscheint er mir pervers hier so zu sitzen, mit dem Kaffee in der Hand. Ich kann mir nicht helfen, aber ich muss unwillkürlich an die Bombardierung Bagdads denken, an sterbende Zivilisten, an das Massaker von My Lai, an Omaha Beach, Dronen über Pakistan und an Guantanamo Bay. Irgendwie kriege ich die Bilder der vielen amerikanischen Kriege in meinem Kopf, und die fast kontemplative Stimmung im Hof des Pentagon einfach nicht zusammen. Später machen wir eine kurze Tour durch den Pressetrakt des Pentagon, in dem alle wichtigen U.S.-Fernsehsender eigene kleine Schnitt- und Übertragungsstudios haben. Die Reporter, die dort ein- und ausgehen, haben alle Zugangsgenehmigungen für das Pentagon. Mit so viel Offenheit hätte ich nicht gerechnet. Weitere Vertreter der Presseabteilung stehen uns im press room des Pentagon Rede und Antwort. Vor dem berühmten Pult, das ich aus etlichen Pressekonferenzen aus dem Fernsehen kenne, wird uns bereitwillig gestattet Fotos voneinander zu knipsen. Auch diese Art der Lockerheit überrascht. Aber man erklärt uns, das Pentagon betreibe eine Politik der Transparenz. Akkreditierte Journalisten dürften sich „bis auf in einigen Sicherheitsbereichen“ überall in dem riesigen Gebäude frei bewegen und mit jedem reden, der reden wolle. Diese Transparenz habe es nicht immer gegeben, sei vielmehr relativ neu, erklärt man uns. Doch weil der bombastische Verteidigungsetat der USA aus Steuergeldern gespeist werde, sei man dem Volk diese Offenheit schuldig. Dass diese Transparenz jedoch Grenzen hat, wird mir nicht zuletzt dann klar, als der Pressemann des Pentagon uns erklärt, dass wenn Militärs Dinge ausplauderten, die sie lieber für sich behalten sollten, man sich schon entsprechend „um sie kümmere.“ Und das klingt schon nicht mehr so freundlich. Ich muss spontan an Josh Rushing, den in Ungnade gefallenen Marine bei Aljazeera denken. Wir fragen einen der Militärs was man denn über den Fall denke. Und der gibt erstaunlich offenherzig zu, dass das Pentagon, und insbesondere die Marines, ziemlich übel mit Josh umgegangen seien. „Sehr schlecht sogar,“ betont der Soldat. Josh sei ein „wirklich feiner Kerl“ und gerade erst vor einigen Tagen habe er sich mit ihm und seiner Familie zum Essen getroffen, sagt der Mann. Man habe dazugelernt. Mir gefällt, dass Kritiker im Pentagon in den eigenen Reihen offenbar geduldet werden. Wie weit diese Toleranz reicht, das weiß ich selbstverständlich nicht. Uns allen fällt jedoch auf, dass die Kritik am Umgang mit Josh Rushing sehr offenherzig kundgetan wird. Nachdem wir das Pentagon nach dem etwa einstündigen Besuch wieder verlassen haben, treffen wir Alan Stone, associate bei npr, dem National Public Radio, in der Zentrale in Washington. Nachdem uns Alan durch ein verzweigtes Netz aus engen Gängen, Sprecherkabinen, durch mit Blumen, Büchern und CDs vollgestellte Großraumbüros, Serverräume und Sendestudios (in einem wohnen wir der Aufzeichnung von All Things Considered bei, eine der populärsten Sendungen von npr seit Jahrzehnten) geführt hat, nehmen wir schließlich Platz zum Reden. In einem Tonstudio, dem Studio 4b. Hier, auf der 4. Etage des npr-Gebäudes hat Stargeigerin Hillary Hahn nur wenige Tage zuvor Aufnahmen eingespielt. Ein paar Wochen vorher war Clubmusic-Produzent und Remix-Ikone Moby hier, hören wir von Alan. In der gedämpften Akustik des Studios, plaudert dieser neben einem Steinway-Flügel in entspanntem Ton über die Herausforderungen für npr. Was er erzählt erinnert mich stark an das, was Tags zuvor bei der Washington Post berichtet wurde. Auch npr hat sich derzeit erheblichen Veränderungen zu stellen, kämpft mit massiv sinkenden Zuhörerzahlen bei allen member stations des networks, muss neue Finanzierungsmodelle austüfteln und innovative Formate erfinden. Die bisherigen Strukturen bröckeln auch bei npr. Das Internet spielt auch hier eine immer wichtigere Rolle. Und im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland, die das Netz eher als Gefahr begreifen, weil es eine Konkurrenz zum Radio darstellt, gibt es derartige Ängste bei npr nicht. Im Gegenteil: Dank neuer Formate, Möglichkeiten der aktiven Teilhabe der Internet-Nutzer und nicht zuletzt vieler frischer Ideen, steigen die Klicks auf den Internetseiten von npr rasant an. Und: Die bisherigen recht festgefahrenen Altersstrukturen bei den Zuhörern brechen auf. Immer mehr junge Leute nutzen die vielfältigen Angebote von npr im Netz — ein großer Erfolg für den Senderverbund also, der inzwischen so viel mehr ist, als eben nur Radio. Begeistert bin ich zum Beispiel von den Little Desk Concerts: Bekannte und unbekannte Bands spielen ein 15-minütiges Konzert in der Musikredaktion. Aufgezeichnet werden Ton und Bild mit nur einem Stereomikrofon und fünf digitalen Spiegelreflexkameras in HD-Qualität. Der Zusammenschnitt wird anschließend ins Netz gestellt. Die Little Desk Concerts sind bei den Usern im Netz eingeschlagen wie eine Bombe. Ich finde das, was ich von Alan höre, sehr ermutigend — zeigen seine Schilderungen doch, dass neue Wege im Radio möglich sind, ja gar nötig sind. Ohne das Kerngeschäft Radio aus dem Blick zu verlieren. Fazit SEITENANFANG |
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