RIAS USA-FrÜhjahrsprogramm 2011
27. März – 16. April 2011

Zwölf deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington und New York sowie für alle Teilnehmer jeweils individuelles Praktikum in amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstationen.


 

TEILNEHMERBERICHTE

Frank Berge, Hessischer Rundfunk, Frankfurt

To peel an onion

Dankbarkeit und Ungewissheit! Nach drei sehr intensiven Wochen Austauschprogramm bleiben bei mir Dankbarkeit und Ungewissheit zurück: Dankbarkeit, dass man mir die Teilnahme an diesem grandiosen Programm ermöglicht hat. Und Ungewissheit darüber, wie stark ich mein Verständnis der politischen Kultur, der Gesellschaft und des täglichen Lebens in den Vereinigten Staaten tatsächlich vertieft habe. Wie weit konnte ich die „Zwiebel USA“ für mich häuten?

An der äußeren Schale konnte ich jedenfalls feststellen, dass der durchschnittliche U.S.-Amerikaner einen freundlicheren Umgangston pflegt als der Deutsche — oder genauer gesagt: als der Hesse. Sowohl in Washington, eine überraschend entspannte und übersichtliche Hauptstadt, als auch in meiner Praktikumsstadt Portland (Oregon) und selbst in der umtriebigen Weltmetropole New York begegneten mir die zahlreichen Gesprächspartner und Praktikumsbetreuer nicht nur stets zuvorkommend, sondern auch weltoffen und reflektiert. Das wollte so gar nicht zum häufig kolportierten Vorurteil passen, der U.S.-Amerikaner bevorzuge es, in seiner eigenen Welt zu leben.

Beim Prozess, sukzessive weitere Häute der Zwiebel zu entfernen, halfen unsere Treffen mit den Denkfabriken der U.S.-amerikanischen Politik — den think tanks. Niemals zuvor hatte ich einen gebildeten und sehr eloquenten Menschen sinngemäß sagen hören: „Erderwärmung hin, Schmelze der Polkappen her! Wir dürfen die U.S.-Wirtschaft nicht abwürgen und müssen deshalb die Ölpreise im Land niedrig halten. Außerdem ist es nicht erwiesen, dass sich die Erde tatsächlich erwärmt. Oder haben Sie etwa in der letzten Zeit eine Pazifikinsel untergehen sehen?“ Die konservative Heritage Foundation ließ mich ratlos zurück, während die liberale Brookings Institution einen Lobgesang auf die Energiepolitik in Deutschland anstimmte.

Die Besuche bei einer Reihe meinungsbildender U.S.-Medien, vom rechtskonservativen Fox News bis zum linksliberalen msnbc, von National Public Radio bis zur New York Times haben zwar weniger beim Verständnis der U.S.-Gesellschaft geholfen, waren aber in Bezug auf die journalischen Arbeitsweisen sehr lehrreich. Bei allen Gemeinsamkeiten konnten wir doch einige interessante Unterschiede feststellen: So sprechen die Reporter U.S.-amerikanischer Fernsehnetworks beispielsweise zuerst ihren Bericht ein und lassen diesen dann anschließend von Producern mit Bildern und Grafiken belegen. In Deutschland gibt dagegen primär das Bild den Ton an.

Eindrucksvoll war auch die Art und Weise, wie bei meiner Praktikumsstation, dem Oregon Public Radio, soziale Netzwerke und internetbasierte PC-Anwendungen genutzt werden, um die Radiohörer besser ins Programm einbinden und die eigene Studiokommunikation optimieren zu können. So bin ich erstmals mit Google-Text konfrontiert worden. Bei OPR wird diese webbasierte Anwendung unter anderem dazu genutzt, im Funkhaus — gemeinsam mit Außenreportern — Nachrichtenmeldungen zu erstellen. Zudem werden den Moderatoren von Live-Sendungen per Google-Text ausgewählte Hörerreaktionen übermittelt, ebenso wie komplette Anmoderationen.

Das Häuten der Zwiebel wurde entscheidend vorangetrieben durch zwei Punkte unseres gemeinsamen Besuchsprogramms und verschiedene Erlebnisse während meiner Praktikumswoche: In Washington, D.C. besuchten wir die Betreiber einer kleinen Internetseite, die sich darauf konzentriert, Nachrichten für einige wenige Blocks der Stadt aufzubereiten. Noch wirft das Projekt keinen Gewinn ab, sondern ist vielmehr ein Zuschussgeschäft — sowohl finanziell als auch in Bezug auf den zeitlichen Aufwand der Nebenberufsjournalisten. Unsere bohrenden Fragen nach dem finanziellen Konzept und der pekuniären Tragfähigkeit wurden — soweit möglich — geduldig beantwortet, machten aber auch klar, was unter dem American Spirit zu verstehen ist. Das Motto der U.S.-Kolleginnen und Kollegen hätte lauten können: „Wir sind von dem Projekt überzeugt, fangen deshalb schon einmal an und hoffen, dass es irgendwann in der Zukunft Gewinn abwerfen wird! Wenn nicht, können wir uns dann Gedanken machen, wie es weitergehen soll.“ Wir Deutschen hingegen waren fokussiert auf etwaige Finanzierungsprobleme, an denen das Projekt scheitern könnte. Ein „Wir fangen jetzt einfach mal an!“ hätte es mit uns wohl kaum gegeben...

Mit einem Stirnrunzeln ließ mich auch der Besuch eines Ärztezentrums in meiner Praktikumsstadt Portland zurück, das sich auf Discountpreise und eine einfach nachzuvollziehende Preisstruktur spezialsiert hat. Der mich betreuende Reporter sprach von einem „McDonald´s des Gesundheitswesens“: ein Arztbesuch kostet 99 U.S.-Dollar. Es soll keine versteckten Gebühren geben, keine Sonderkosten, man bekommt 20 Minuten beim Arzt garantiert! Für jemanden, der im deutschen Sozialstaat mit der Pflicht einer Krankenversicherung aufgewachsen ist, war diese Erfahrung befremdlich. Ähnlich wie das Gespräch mit älteren Menschen über ihren Retirement Plan, über die Frage, wann sie es sich finanziell leisten können, in den Ruhestand zu gehen — oder aber die Aussage einer Journalistin des Senders msnbc: „Ich habe einen festen Arbeitsvertrag über ein Jahr abgelehnt. Ich hätte sonst das Gefühl gehabt, mich zu stark zu binden.“

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es vor allem die Entstehungsgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist, die das Denken und Handeln dort bis heute entscheidend beeinflusst. Welch wichtige Rolle Religion, Diversität und Riskobereitschaft bis heute im U.S.-Alltag spielen, habe ich nicht nur beim Pessach-Fest einer liberalen jüdischen Gemeinde in New York erlebt, an welchem wir als Gruppe teilnehmen durften. Auch das Pew Forum, eine politisch unabhängige Denkfabrik, untermauerte diesen Eindruck mit wissenschaftlichen Zahlen.

Habe ich mit diesen Eindrücken das Innerste der Zwiebel erreicht? Habe ich nur selektiv wahrgenommen? Wie dargelegt: Ich weiß es nicht! Es wird sicherlich noch einige Zeit dauern, bis sich die Eindrücke gesetzt haben und ich mir eine Bewertung zutraue. Im Moment kann nur konstatieren, dass das Austauschprogramm sehr lehrreich und eindrucksvoll war. Ich fühle mich priviligiert, dass ich daran habe teilnehmen dürfen. Ich danke der Rias-Kommission dafür, dass ich meinen Horizont beträchtlich erweitern konnte. Erfahren habe ich auf jeden Fall, dass es DIE USA und DIE U.S.-AMERIKANER nicht gibt. Verallgemeinerungen helfen — wie so oft — nicht dabei, den vertrauten und doch so unterschiedlichen Freund im Westen zu verstehen.

Vielleicht kommt dies dem Innersten der Zwiebel nahe?

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Judith Beyermann, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Ankunft später Sonntagabend, Montag morgen — kurz vor 9:00 — welcome meeting... …und schon sind wir mittendrin — im RIAS exchange program:

Washington Week

Stadtrundfahrt, CNN, Fox News, NBC News, AP, WTOP News Radio, National Public Radio, außerdem die konservative Heritage Foundation, das eher liberale Brookings Institut, PR-Profi Mark Putnam, der National Congress of American Indians, die deutsche Botschaft und das U.S. Department of State usw. ... — die Woche ist prall gefüllt.

Unser spring topic ist das age of Obama und wir erhalten die Möglichkeit mit Medienvertretern, Konservativen und Liberalen über Obamas Errungenschaften, Versäumnisse und über seine mögliche Wiederwahl zu diskutieren.

Auch über die amerikanischen Medien lernen wir viel und bekommen eine Vorstellung, wie das Fernseh- und Radiogeschäft funktioniert: viel viel Werbung, unendlich viele TV-Kanäle, dementsprechend viele Meinungen, anspruchsvolle Diskussionen, extreme Stimmungsmache, manchmal Hetze, viel Unterhaltung usw... Über das System lässt sich natürlich trefflich streiten, aber eins ist sicher — für wirklich jeden Zuschauer ist etwas dabei!

Die meisten von uns sind schon einmal in den USA gewesen. Durch RIAS aber bekommen wir die Chance, hinter die Kulissen schauen. Die Woche in Washington vergeht wie im Flug und wir sind vollgestopft mit Eindrücken.

Denver, Colorado

Zusammen mit einer sehr netten Kollegin komme ich nach Denver, Colorado. Wir sind sehr zufrieden. Denver ist ein ziemlich guter Ort für die Praxiswoche!

Nach der ganzen Theorie brennen wir darauf, den Redaktionsalltag kennen zu lernen: Was ist denn nun tatsächlich ein Assistant Producer, ein Senior Producer, ein Executive Producer, ein Security Producer ... Warum vertont man die Stück in Amerika erst und schneidet die Bilder erst später drauf? Macht das Sinn? Wie finden die Redaktionen ihre Inhalte? Welche Maßstäbe werden angelegt, damit ein Thema seinen Weg ins Programm findet?

Unser host heißt Jason, er begrüßt uns trotz Schneeverwehungen im T-Shirt. Noch am ersten Abend gehen wir mexikanisch essen und trinken dazu einen wunderbaren frozen strawberry margherita. Da Denver beinahe 1600m hoch gelegen ist, merken wir den Alkohol schneller als gedacht und schlafen dementsprechend gut.

Mittags treffen wir bei KCNC ein, einer CBS Lokalstation. Wir wissen nicht wirklich, was uns erwartet, und landen direkt in der Redaktionssitzung für die Abendsendungen (17:00, 18:00 und 22:00).

Die Themen des Tages: unaufgeklärte Morde, spektakuläre Unfälle, zwielichtige High School Lehrer und ganz ganz groß — die Waldbrände in den Rocky Mountains!

Die Chance auf einen Waldbrand-Dreh möchte ich mir nicht entgehen lassen und sitze 10 Minuten später bei Rob McClur im Auto. Der Kameramann ist ein Colorado native und erklärt mir, was ich zu erwarten habe...

Wir fahren ca. 1,5 Stunden gen Norden und dabei kann ich mir die Landschaft anschauen. Zu meiner Rechten sehe ich die Ausläufer der Great Plains, die legendäre Steppenlandschaft, die heute die Kornkammer der USA ist. Es hat tagelang nicht geregnet.

Zu meiner Linken liegen die Ausläufer der Rocky Mountains. Auch hier macht die anhaltende Trockenheit Mensch und Natur zu schaffen. Es wird schnell klar, dass die klimatischen Bedingungen geradezu ideal für Waldbrände sind. Rob erzählt, dass die Waldbrandsaison normalerweise von Mai bis September dauert, allein in diesem März hat es aber bereits 64 Waldbrände gegeben.

Wir erreichen unseren Zielort, eine abgesperrt Straße. Den eigentlich betroffenen „Unglücksort“ Masonville dürfen wir gar nicht anfahren, zu gefährlich, sagt der Sheriff…  Also gesellen wir uns zu den anderen TV-Kollegen und bauen die Technik auf. Reporter Mike kommt von der „Besichtigungstour“ zurück und sieht nicht wirklich glücklich aus. Die Bildausbeute ist mehr als bescheiden, aber es hilft nichts. Das Stück muss in die Nachrichten und Mike holt alles raus… Er schreibt seinen Text, vertont.  Erst danach schneidet der Kameramann, der auch Cutter ist, die Bilder drauf. Ist zwar eine ungewohnte Arbeitsweise, geht aber auch. Wirklich schön ist, dass ein echter Austausch unter Kollegen stattfindet. Das nennt man dann wohl mutual understanding...

Wir sind noch gar nicht richtig angekommen, da fliegen wir schon wieder nach New York.

New York Week

Wir freuen uns auf das Wiedersehen mit der Gruppe. Jeder hat was zu erzählen, alle haben viel erlebt. Das Programm in New York ist nicht ganz so durchgetaktet wie in D.C.. Wir sehen u.a. die UNO, besuchen die New York Times, eine high school in New Jersey, die Gedenkstätte des WTC und haben ein spannendes Treffen mit dem American Jewish Committee…

Die drei Wochen USA vergehen wie im Flug und die Mischung war perfekt: das politische Washington D.C., eine wunderbare mid station in Denver, Colorado und das pulsierende New York.

Jetzt bin auch ich ein Rias Fellow — schönes Gefühl. Der Aufenthalt hat sich sehr gelohnt! Danke RIAS und bis bald!

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Bobby Cherian, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Der RIAS-Trip hat mir noch lange in den Knochen gesteckt. Drei Wochen durchgepowert, das geht nicht spurlos an einem vorüber. Und auch aus dem Kopf habe die Reise lange nicht rausbekommen. Das allerdings habe ich keinesfalls als negativ empfunden.

Es war meine erste Reise in die USA überhaupt und eins ist mir klar geworden: die Vereinigten Staaten ticken irgendwie anders. Das wurde bereits in Deutschland am Flughafen Frankfurt deutlich. Natürlich hatte ich mich im Vorfeld darüber informiert, dass die Sicherheitsbestimmungen bei Flügen in die USA anders sind als bei anderen Flügen. Aber dann noch vor dem Check-In Fragen gestellt zu bekommen wie „Wer hat diesen Koffer gepackt?“, „Führen Sie etwas mit sich, das als Waffe benutzt werden könnte?“, das war spannend. Ein ähnliches Prozedere noch mal beim Boarding: „Ist das Ihr Handgepäck?“, „Haben Sie es die ganze Zeit über beaufsichtigt?“ Obwohl ich mich an alle Gepäckbestimmungen gehalten hatte, stiegen in mir beinahe schon Schuldgefühle auf (Hab ich auch wirklich alles richtig gemacht?). Faszinierend, welche Wirkung diese Kontroll-Arie hatte. Und ebenso faszinierend war die Tatsache, dass diese Regeln nur für USA-Einreisende gelten. Weder bei den Inlandsflügen noch beim Rückflug gab es ein ähnliches Prozedere. Was bedeutet das? Sind nur Menschen von „draußen“ potenziell gefährlich?

Die Woche in Washington in aller Kürze. Eine tolle, lebendige Stadt mit sehr viel Flair. Das Hotel nur 5 Gehminuten vom Weißen Haus entfernt, das Programm vollgepackt mit spannenden Besichtigungen und hocheloquenten Gesprächspartnern. Den Versuch, all die interessanten und spannenden Aspekte dieser Woche wiederzugeben, spare ich mir. Dafür würde der Platz nicht reichen. Zwei Highlights möchte ich dennoch zumindest benennen: das Gespräch mit Mark Putnam, der für Barack Obama die Fernsehwahlwerbekampagne entwickelt hat und der Besuch beim PEW Forum (das religiöse Entwicklungen in den USA beobachtet) und seinem Direktor Luis Lugo.

Dann war da der Gang über den Arlington Friedhof an einem freien Nachmittag. Bedrückend und faszinierend zugleich. Grabsteine so weit das Auge reicht und eine Heldenverehrung, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Nahezu surreal der Wachwechsel am Grab des unbekannten Soldaten, eine seltsame Stille und ein sehr langgezogenes Ritual. Alle Besucher (fast ausschließlich Amerikaner) wirkten sehr ergriffen, insbesondere die vielen anwesenden Veteranen. Diese Senioren saßen in ihren Rollstühlen oder standen um das Grab herum und trugen bunte Base-Caps mit den eingestickten Namen ihrer Einheiten oder Aufschriften wie „World War II“. Die Aufmachung erinnerte mich irgendwie an Fankleidung, die die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Team signalisieren soll.

Natürlich ging es an dieser Gedenkstätte in erster Linie um das Andenken an die Gefallenen, aber das ganze Drumherum sprach auch für ein klares Hochhalten des Militärs. Genau das ist mir in den drei Wochen immer wieder begegnet. An den Flughäfen wurden Heimkehrer mit wiederkehrenden Bandansagen und mit Leuchtreklamen begrüßt. Ein Fernsehbeitrag auf FOX zeigte einen normalerweise in Afghanistan stationierten Soldaten auf Heimatbesuch, der wie ein Held gefeiert wurde. Kein Wort dazu, wie es ihm geht und ob er eventuell Traumata davongetragen hat. Im Starbucks in Fort Myers, Florida, hingen Fotos von Truppen im Nahen Osten am schwarzen Brett, denen Kaffeetüten geschickt worden waren. Im Foyer der Hoboken High School, die wir in New Jersey besucht haben, war ein Rekrutierungsstand der Army aufgebaut.

Das Gedenken an die Toten aller Kriege in Arlington erschien mir pompös, der generelle Umgang mit dem Thema „Militär“ eher unkritisch, geradezu verherrlichend. Ich frage mich, warum das so ist. Vielleicht, um nachfolgenden Generationen zu signalisieren: es lohnt sich weiterhin, Soldat zu werden? Weil Amerika sich so den Nachschub für seine Truppen sichert?

Vom Arlington National Cemetery lässt sich direkt auf das Pentagon schauen; umgekehrt wird es genauso sein. Vielleicht soll den Entscheidungsträgern im Verteidigungsministerium mit den Feldern voller Grabsteine direkt vor ihren Augen immer wieder die Konsequenzen ihrer Handlungen ins Bewusstsein gerufen werden, reimte ich mir zusammen. Mein Mit-Fellow Jan sagte mir, so ethisch würde man in den USA nicht denken. Ich will trotzdem hoffen, dass es so ist.

Nach Washington kam Fort Myers, Florida, meine Middle-Station. Eine ganz andere Welt mit ganz anderen Leuten. Schon wieder zeigte sich das bereits beim Hinflug. Der Flieger klischeemäßig gefüllt mit nahezu ausschließlich weißen Rentnern. Keine Schwarzen, keine Hispanics, keine Asiaten. Die einzige dunkelhäutige Person an Bord war ich. In Fort Myers selbst war es vielerorts genauso. Mir ist das wirklich aufgefallen und aufgefallen bin ich dort wohl auch. Denn seltsamerweise reagierten bei mehreren Gelegenheiten die Menschen zurückhaltend auf mich. Zum Beispiel als ich im Supermarkt an der Kasse bezahlte und weder das typische „How are you?“ noch eine Verabschiedungsfloskel kam, als ich dem sonst so gesprächigen Skipper einer Fähre eine Frage stellte, die einsilbig beantwortet wurde oder auch als ich im Starbucks einen Kaffee orderte, den ich wesentlich später bekam als die Leute, die nach mir bestellt hatten. Interessante, individuelle und auch sehr wertvolle Erfahrungen, die ich hier nicht festhalten würde, wenn mir dieses Verhalten nicht so häufig begegnet wäre. Fort Myers war definitiv anders als Washington und auch anders als New York.

Das Wetter toll, mein Host Patrick Nolan von FOX4 sehr freundlich, wenn auch sehr busy. Da scheinen sich amerikanische Moderatoren nicht von deutschen zu unterscheiden. Die FOX-Lokalstation wirbt mit dem Slogan „In your corner“. Heißt also, hier will man dicht dran sein an den Leuten, man kämpft für sie, vertritt ihre Interessen. Tatsächlich ist bei fast jeder Geschichte ein Reporter am Ort des Geschehens und wird live geschaltet, auch bei verhältnismäßig kleinen Storys. Sehr spannend, dass die Kollegen dazu nicht mehr benötigen als einen Reporter und einen Kameramann, der sich neben dem Filmen auch noch um alle anderen technischen Belange (Herstellen der Satelliten-Verbindung, Schnitt, Kabel legen) kümmert. So abgespeckt geht’s also auch. Obwohl ich zugeben muss, dass mir unsere Personalstärke bei vergleichbaren Events eher zusagt. Eine Schalte mit insgesamt drei Leuten ist einfach stressfreier für alle Beteiligten.

In Florida hatte ich einen Mietwagen und viel Zeit für mich. Beides war super und beides habe ich intensiv genutzt. Fort Myers Beach, Sanibel Island inklusive Fahrt durch das dortige Naturschutzreservat, Pine Island, mit der Fähre nach Cayo Costa, die Alligator-Alley runter nach Fort Lauderdale und ein Besuch beim Public Radio WGCU, den mein Host Patrick organisiert hatte. Dass ich die Gegend auf eigene Faust erkunden konnte, war toll. Danach hatte ich mich aber auch satt gesehen an Florida. Eine schöne Gegend, aber keine, in der ich auf Dauer leben könnte.

Dann kam New York, schnell, hell, grell (was um alles in der Welt kostet es, eine so riesige, leuchtende Reklametafel am Times Square zu buchen?) und absolut überwältigend. Die Gruppe war wieder zusammen, das Programm ging weiter. Auch wenn im Big Apple wieder äußerst spannende Termine auf uns warteten, war ich froh, dass es nicht mehr so viele waren wie in Washington. Aus zwei Gründen: erstens blieb uns so genug Zeit, die Stadt für uns selbst zu entdecken. Zweitens steckte mir die Washington- und die Florida-Woche noch dermaßen in den Knochen, dass ich nur schwer in der Lage gewesen wäre, das Tempo weiter zu halten. So passte alles zusammen, die offiziellen Termine beim American Jewish Commitee und der Gang entlang an Ground Zero genauso wie die selbst organisierte Fahrt nach Staten Island und der Stopp am Campus der Columbia University, um nur einige wenige Aspekte zu nennen.

Was bleibt zurück nach drei Wochen Power-Programm USA? Zuerst einmal unzählige Eindrücke und Erfahrungen. Dann Dankbarkeit dafür, dass ich an dieser Reise teilnehmen durfte und für die Spitzengruppe, in die mich die RIAS Kommission gesteckt hat. Ich weiß nicht, wie die Kommission das gemacht hat, aber das Ergebnis war klasse. Die Gruppe hat toll funktioniert; selbstverständlich ist das bei einem so bunt zusammengewürfelten Haufen nicht. Die Teilnahme am RIAS-Programm war meine Chance, mir endlich ein eigenes Bild von den USA machen zu können. Ich weiß, es ist kein vollständiges, dafür habe ich viel zu wenig vom Land gesehen. Aber der feste Entschluss ist da, in Zukunft noch mehr zu entdecken und kennenzulernen. Ich bin immer noch erstaunt von der Erkenntnis, dass ein Land, das dem unseren in vielen Belangen so ähnelt (Lebensstandard, technische Entwicklung) doch in vielerlei Hinsicht so anders ist.

Die letzte Erkenntnis, die ich an dieser Stelle formulieren möchte, lautet: nach zwei Wochen im Anzug fühlt sich selbst der Gelegenheitsträger in dem Outfit richtig wohl. Der vorgegebene Dresscode ist den Terminen definitiv angemessen. Und keine Sorge: auch mit Businessklamotten im Gepäck bleibt genug Platz im Koffer für alles, was man sonst so braucht.

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Jana Ebert, Rundfunk Berlin-Brandenburg, Inforadio

Drei Wochen USA, jede Woche eine neue Stadt, jeden Tag neue Gespräche und Eindrücke. In meinem Kopf bleibt ein bunter Film, zu dem die einzelnen Erlebnisse verschmelzen: Das rote Telefon bei CNN. Probesitzen als Newsanchor. Die Sprüche der Heritage Foundation: „Ich kann Ihnen hundert Beweise nennen, dass es den Klimawandel nicht gibt.“ Let’s go, Jon ruft uns: „Rias!“. Wir müssen weiter. WTOP, der Infokanal mit dem berühmtesten Verkehrsfunker Washingtons. Sonnenaufgang über Denver und in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains. „New York, New York“ schallt es aus den Buslautsprechern und wir brausen im Sonnenuntergang über den East River nach Manhattan. High School, Ground Zero. — Fetzen eines wunderbaren Rias-Films. Ich versuche ihn ein bisschen anzuhalten:

Strahlend blauer Himmel und blühende Kirschbäume. So empfängt uns Washington D.C. Der Tag hatte früh begonnen und nimmt nun nach 11 Stunden Flug und Sicherheitskontrollen bei der Einreise noch immer kein Ende. Zu Hause ist es Mitternacht, hier wartet ein herrlicher Sonnenuntergang. Todmüde, doch entschlossen laufe ich noch zu dem schönen Park um die Ecke. Ich stehe vor einem hohen Eisenzaun, dahinter eine weiße Villa. Moment, die kenne ich aus dem Fernsehen — es ist das Weiße Haus! Nach all den Kontrollen, Fragen und Fotos am Flughafen wundere ich mich: wieso ist hier kein Polizist zu sehen?

Fernsehen vorm Einschlafen: bei Radio Shack gibt es zum Einkauf über 50 Dollar eine Pistole gratis. Das ist sogar in Amerika eine Meldung wert.

Beim Frühstück am nächsten Tag produziert jeder von uns einen kleinen Müllberg: Besteck aus Plastik, das Essen in großen Plastikbehältern und der Kaffee in Styroporbechern. Richtiges Geschirr gibt es nicht, aber Gewissensbisse gratis zum Frühstück. Machen sich die Amerikaner darüber keine Gedanken?

Einerseits ist es angenehm, dieses typisch deutsche Kritisieren und Zweifeln hinter sich zu lassen und diesen Enthusiasmus zu erleben, mit dem zum Beispiel die Optimisten von „Borderstan.com“ eine lokale Internetzeitung betreiben, ohne vorher genau die Vor- und Nachteile abgewogen und überlegt zu haben, ob es sich rechnet. Doch andererseits ist diese Freiheit von Bedenken manchmal nur erschreckende Gedankenlosigkeit oder fehlendes  Verantwortungsbewusstsein. Bei der „Heritage Foundation“ erklärt man uns: Um den Klimawandel aufzuhalten, müsste man den Lebensstil so sehr ändern und das würde die Wirtschaft so stark treffen, dass es das nicht wert sei. Der konservative Think Tank hat in den letzten vier Jahren rasant an Unterstützung gewonnen. Die Leute geben Geld und sagen: wir sind nicht zufrieden mit der Regierung, bitte tut etwas dagegen. „Heritage“ recherchiert mit etwa 200 angestellten Wissenschaftlern. Sie versorgen Kongressabgeordnete und Parteien mit den Ergebnissen dieser Forschungsarbeit. Auch der Umgang mit den Medien ist professionell organisiert. Die Organisation hat ein eigenes Fernsehstudio und moderne Radioproduktionsplätze. So kann sie Expertengespräche für Stationen im ganzen Land anbieten und gleichzeitig wirksam für sich werben. Ein faszinierender Einblick in die Arbeit von Lobbyisten.

Am nächsten Tag beim liberalen Think Tank „Brookings“ fügt sich das Puzzle weiter zusammen: Bruce Katz sagt, die USA stehen vor einem gewaltigen Wandel. Viele Amerikaner wollten aber, dass alles so bleibt, wie es ist. Er spricht über die Auswirkungen der Rezession und dass er fasziniert sei vom deutschen Wirtschaftsmodell. Er nennt die Demographie als wichtigen Faktor: In 20 Jahren gebe es keine weiße Mehrheit mehr in den USA, sondern eine „majority of minority“. Präsident Obama muss nun den Wirtschaftsaufschwung unterstützen und gleichzeitig das Staatsdefizit in den Griff kriegen. Ein „Riesensandwich“ voller Probleme habe er bekommen, sagt der ehemalige Communications Director der Republikaner, Mike Collins. Obama sei soviel Widerstand und Hass entgegengeschlagen wie keinem anderen Präsidenten zuvor. Ich verstehe besser, warum  die Enttäuschung der Amerikaner so groß ist. Nur im Souvenirshop nebenan lebt die Obamamania weiter: hier finden wir sogar „Obama Mints — Yes we candy“…

Der Patriotismus ist indes ungebrochen. „Dem Land dienen“, diese Worte fallen auffällig oft. Sogar bei CNN. Wie reagiert der Sender, wenn seine Reporter in Gefahr geraten? Die Korrespondenten entscheiden selbst, sagt Pamela Benson, die von Anfang an bei CNN gearbeitet hat. Oft sind sie mittendrin, „dedicated to serve the country“. Am Abend die Meldung: ein Freelancer von CNN wurde im Irak getötet.

Auf dem Weg zu unserer zweiten Station — von Washington nach Denver, Colorado, platziert mich der Zufall neben einen jungen Soldaten der Marines. Wir reden den ganzen Flug über. Er erzählt, dass er mit 21 Jahren im Irak war, mit 23 in Afghanistan, jeweils für ein halbes Jahr. Angst? Die hat er verdrängt. Außerdem wisse man doch, worauf man sich eingelassen hat, wenn man zum Militär geht. Da wird eben geschossen, lacht er. „I’m proud of my country, I’m proud of the Stars and Stripes“ und er wolle seinem Land etwas zurückgeben. Es klingt wie eine Formel.

Denver empfängt uns mit Schnee im April! Das Tor zum wilden Westen ist ungewöhnlich kalt. Am Morgen waren es noch über 20 Grad Celcius, jetzt sind es gerade mal um die Null. Ein  Blizzard ist schuld. Unser Host, Jason Hussong, holt uns im Hotel zum Essen ab und steigt bei Schneeregen im kurzärmeligen T-Shirt aus dem Auto. Morgens, als er zur Arbeit fuhr, brauchte er ja noch keine Jacke. In Colorado heißt es: Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten. Doch nicht nur das Wetter scheint wenig stabil, auch der Boden schwankt leicht, seit ich dem Flugzeug entstiegen bin. Das ist die Höhenluft der „Mile High City“ — Denver liegt genau eine Meile über dem Meeresspiegel.

Wir sind bei der Redaktionskonferenz von KCNC-TV, der regionalen CBS-Station. Der Sendungsplan wird besprochen. Der Chef hat über Twitter von einem ungewöhnlichen Autounfall erfahren: Eine Frau ist auf einer entlegenen Landstraße zu schnell in eine Kurve gefahren, hat sich überschlagen und landete kopfüber im Bewässerungsgraben eines Farmers. Dort lag sie 15 Stunden lang, bis der Farmer sie am nächsten Morgen entdeckte und rettete. Moderator und Reporter Tom Mustin fährt zum Ort des Geschehens. Hier, im Osten von Denver, ist die Landschaft überraschend flach und eintönig. Morgan County hat eine Hauptstraße, Supermarkt, Bank. Das war’s. Möchtest Du hier leben, fragt mich Tom im Scherz. Am Rande der Ödnis finden wir das Haus des Sheriffs. Der zeigt Tom alle Fotos, die er von dem Unglück und der Rettungsaktion hat. Zusammen wählen sie die besten aus und dann verschickt der Sheriff sie routiniert per e-Mail an die Redaktion in Denver. Später erfährt Tom von der Polizei sogar den Namen und das Alter der Frau und lässt die Redaktion bei Facebook nach ihrem Foto suchen. Wie die Betroffene das findet, darüber macht sich offenbar keiner Gedanken.

Auf der langen Rückfahrt wählt Tom bereits im Auto die O-Töne aus, denn viel Zeit bleibt nicht mehr bis zur Sendung. In der Redaktion schreibt er zuerst seinen Text und nimmt ihn auf. Dann erst schneidet der Kameramann die Bilder zum fertigen Beitrag. Ungewöhnlich ist  auch, dass jeder Reporter sein Stück in der Sendung selbst kurz an- und abmoderiert, so als stünde er gerade noch am Ort des Geschehens. Jetzt wird mir klar, warum die meisten Reporter hier so smart aussehen und warum Uniprofessorin Roxanne Russell von einem ihrer Journalistenstudenten erzählte, der fürchtete keinen Job zu bekommen, weil er blass und rothaarig ist. Die Gesetze des Privatfernsehens…

Die Wirtschaftskrise hat auch auf die Medienlandschaft Auswirkungen. Die „Rocky Mountain News“ musste nach fast 150 Jahren Existenz aufgeben. KCNC-TV muss ebenfalls sparen. Man sieht es dem Redaktionsgebäude an und der Helikopter des Senders wurde abgeschafft, erzählt mir Kameramann David Gregg traurig. Er ist seit 31 Jahren bei KCNC und hat einst mit dem Hubschrauber zwei New Yorkern das Leben gerettet. Sie waren im „Rocky Mountain National Park“ abgestürzt und hatten auf einem winzigen Felsplateau eine Woche lang ausgeharrt. Bis KCNC sie entdeckte — noch vor den Suchmannschaften der Polizei.

Die Medienlandschaft Colorados expandiert aber auch: für die wachsende hispano-amerikanische Gemeinde gibt es einen eigenen Fernsehsender. „Univision Colorado“ zeigt Nachrichten, die die spanisch-sprachigen Einwanderer betreffen und zwar konsequent in deren Muttersprache. Selbst wenn Gesprächspartner englisch reden, wird die spanische Übersetzung darüber gelegt. Funktioniert so Integration? In Deutschland würden darüber Diskussionen toben, die Amerikaner machen es einfach.

Eine ganz andere Seite der USA erleben Judith und ich in der Universitätsstadt Boulder. Hier gibt es kritische Geister, viele Sportler und Fahrradwege. Die Uni hat sogar ein Zentrum für Umweltjournalismus. Dort diskutieren wir mit einer Gruppe Journalisten, die sich auf Umweltthemen spezialisiert haben. Es ist schwer dafür einen Platz in den Medien zu finden. Fachmagazine, Bücher oder Blogs — das sind ihre Wege an die Öffentlichkeit. Die Diskussion über Klimawandel und Umweltverschmutzung ist politisiert, erzählen sie. Wer für Umweltschutz eintritt, werde in den USA als links oder gar sozialistisch angesehen. Das geht sogar soweit, dass Lehrer kritisiert und angefeindet werden, wenn sie versuchen mit ihren Schülern über Umweltthemen zu reden. Dann heißt es, sie müssten doch neutral sein und dürften auf keinen Fall in irgendeiner Richtung politisch agieren...

Am letzten Tag fahren wir auf den „Lookout Mountain“, zum Grab des berühmten Buffalo Bill, dem Mann, der mit einer Indianershow durch Europa reiste und damit unser Bild vom Wilden Westen und Amerikas Ureinwohnern prägte. Im Museum neben dem Grabmal lese ich das Zitat eines der Indianer, die mit Buffalo Bill umherzogen: „Ich möchte in den Wald gehen und mir ein Tuch über den Kopf ziehen, um all die Eindrücke zu verarbeiten.“ Der Mann spricht mir aus dem Herzen, denn auch ich leide inzwischen an Reizüberflutung.

Doch statt Einsamkeit erwartet mich nun New York. Es geht mitten hinein ins Gewusel. Wir wohnen um die Ecke vom Times Square. Die New York Times hat ihr neues Redaktionshaus inzwischen ein paar Straßen weiter. Hell und sehr modern ist es, hier möchte man gern arbeiten. Wir diskutieren über die neue Paywall der Zeitung. Highlights aber sind wieder die persönlichen Kontakte: zum Beispiel das Treffen mit dem Hedgefonds-Manager oder die Gespräche mit den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde beim Pessachfest. Im Gedächtnis bleibt auch die tapfere, kluge Frau, die ihren Sohn am 11. September 2001 verloren hat und uns die Tränen in die Augen treibt.
New York hat soviel zu bieten. Hier ist immer etwas los und selbst im Hotelzimmer hupt, pfeift oder rauscht stets irgendetwas.

Drei Wochen USA, drei Städte, dutzende Gespräche — das Rias-Programm hat mir einen direkten Eindruck von der amerikanischen Gesellschaft ermöglicht, mich die Stimmung im Land spüren lassen. Ich habe viel gelernt über das völlig andere Mediensystem und die Arbeit der Journalisten, aber auch über die Mentalität der Menschen und den amerikanischen Unternehmergeist.

Es war eine unglaublich bereichernde Reise. Sie ist Quelle neuer Ideen und positiver Energie, die noch lange sprudeln wird. Doch den Optimismus und die Freundlichkeit der Amerikaner vermisse ich schon jetzt.

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Julia Eikmann, Deutschlandradio Kultur, Berlin

Wo Amerika ganz Amerika ist — eine Woche im Heartland der Vereinigten Staaten

Die zwanzig Tische im Konferenzsaal des Hotel Ambassador in Amarillo, Texas, sind üppig gedeckt. Die jährliche Tagung der Panhandle Press Association ist für die örtlichen Medienvertreter ein Muss. An meinem Tisch, an den ich herzlich eingeladen wurde, kaum dass ich durch die Tür trat, bin ich die einzige Journalistin. Auf jedem der ordentlich gebügelten Polohemden meiner Tischnachbarn ist ein Firmenlogo eingestickt, die hiesigen Elektrik-Betriebe haben das reichhaltige Dinner gesponsert. Und die Give-aways, die sich in der Mitte des Tisches zu einem Berg auftürmen.

„So, where in de States hav‘ ya been so far?“, fragt mich der schnurrbärtige Texaner zu meiner Rechten. „Last week we stayed in Washington, D.C.…“, beginne ich den Satz, und werde gleich unterbrochen „Dat’s not the United States!“ — „Next week we gonna meet in New York City…“, versuche ich es noch einmal. Mein Nachbar wendet sich ab und verdreht die Augen.  

Sie sind sehr eigen, die Texaner, sehr stolz, überraschend liebenswert und geradezu unheimlich gastfreundlich. Enyonam Osei-Hwere arbeitet an der West Texas A&M University in Canyon, an der ich meine Station-Week verbringen durfte. Sie ist vor kurzem mit ihrem Mann aus Ghana in die Staaten gekommen. Warum sie sich das kleine Städtchen Canyon zum Leben ausgesucht haben? Sie hätten sehr genau geguckt, aus Angst vor Rassismus in den USA. Hier wären die Menschen so aufgeschlossen und freundlich, dass sie sich von Anfang an wohl gefühlt hätten.

Tatsächlich sind die Menschen in Randall County auffallend  gastfreundlich. Eine der ersten Fragen ist immer, ob man genug zu trinken hat. Aus gutem Grund, bei 31Grad und extrem trockener Luft. Trotzdem habe ich mich lieber an der frischen Luft als in den auf Kühlschranktemperatur runter gefrosteten Räumen aufgehalten.  Die Nylonstrumpfhose in meiner Handtasche wurde zum ständigen Begleiter, rein, anziehen, raus, ausziehen. Aus Solidarität mit den armen Kindern in Afrika, die sich keine Schuhe leisten können, kamen etliche Studenten an meinem ersten Tag barfuß zur Uni. In kurzen Hosen und T-Shirt, versteht sich. Mir wurde schon vom Zusehen kalt.

Überhaupt, das Wetter. Nicht nur mich hat es bewegt, auch die Zuschauer der vier lokalen Fernsehsender scheint nichts mehr zu interessieren. Die Meteorologen sind Stars! Vermutlich ist der Norden von Texas, die so genannte Panhandle, das Paradies für Wettervorhersager schlechthin. Der Landstrich ist extrem flach („Wenn dein Hund wegläuft, kannst Du ihm noch drei Tage nachsehen.“). Schnee, Hitze, Tornados, alles an einem Tag, kein Problem. Zumindest Schnee und Hitze kann ich persönlich bezeugen.

Da wundert sich die Deutsche, dass die unglaublich vielen übersteuerten Airconditions nicht mit Solar- und Windkraft betrieben werden. Meinen Plänen, an diesen sehr trockenen, aber sehr netten Flecken Erde zurück zu kommen und mit erneuerbaren Energien reicher zu werden als J.R. Ewing jemals war, wurde dann doch der Wind aus den Rädern genommen: Es geht bereits los. Die Pläne für erste Windfarmen existieren, Siemens war schneller.

Also vielleicht doch die Uni-Karriere. Die Arbeitsbedingungen in den USA haben mich zwar negativ überrascht, schlechte Bezahlung, wenig Urlaub, kurze Vertragslaufzeiten, aber ein solches Miteinander von Studenten und Lehrenden kann man sich nur wünschen. Jeder der Professoren sagt, er habe den besten Job der Welt. Hier gibt es keine geschlossenen Türen und Sprechzeiten, sie kennen alle Studierenden beim Vornamen. Und erst die Ausstattung! Blitzneue Kameras in den universitätseigenen Fernsehstudios, HD selbstverständlich, Protools am Audio-Schnittplatz, zwei großartig ausgestattete Theaterbühnen, ausschließlich „Smart-Classrooms“ mit Beamer, PC und Audio-Equipment, eine Post, ein Schwimmbad usw. usf. Nur zur Erinnerung, wir befinden uns im 12.000-Einwohner-Städtchen Canyon.

Von den 12.000 Einwohnern kenne ich jetzt mindestens die Hälfte. Meinem wunderbaren Host, Ex-npr-Radiomann und heute Journalistik-Professor, lag es sehr am Herzen, mich allen vorzustellen. Immer dann, wenn ich nicht gerade vor dem Rotary-Club oder diversen Klassen Vorträge über die Deutschen im Allgemeinen, unser Mediensystem und den RIAS im Besonderen gehalten habe, führte er mich durch die Flure und Büros. Oder zum Essen aus. Beste Steaks aus universitätseigener Schlachtung oder zumindest direkter Nachbarschaft. Obst und Gemüse sucht man in Texas vergeblich.

Neben dem Uni-Campus hatte ich Gelegenheit, mehrere Fernsehsender  und eine Radiostation zu besuchen und mit den Reportern raus zu fahren. Es waren sehr aufschlussreiche, sehr intensive und sehr lange Tage. Ein paar Minuten, um zu verschnaufen, das Erlebte sacken zu lassen oder Wäsche zu waschen, wären auch nicht verkehrt gewesen. Trotzdem möchte ich keines der vielen kleinen Erlebnisse in Texas missen. Sie waren es, die mir diesen Landstrich, platt wie eine Flunder, trocken und voller Klischees, innerhalb kürzester Zeit ans Herz wachsen lassen und — wider Erwarten — die Lust auf eine Rückkehr geweckt haben.

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Mirja Fiedler, Südwestrundfunk

Washington, D.C., 27. März — 3. April 2011

CNN, FOX News, Heritage Foundation und Brookings Institution, NBC News, WTOP und NPR, AP, Pew, politische Berater und Pressesprecher, Deutsche Botschaft und U.S.-Außenministerium — eine Woche vollgepackt mit Terminen, spannenden Gesprächspartnern und anregenden Diskussionen. Da fällt es kaum auf, dass die Temperaturen niedrig sind und die Kirschbäume am tidal basin nicht richtig aufblühen. In Washington, D.C. hatte ich vor sechs Jahren studiert und meinen Master erhalten. Es macht immer wieder Spaß, dorthin zurückzukehren und in die Welt der Intellektuellen und Politprofis einzutauchen.

Spartanburg, South Carolina, 3. — 9. April 2011

T.C. in “the fourth unhappiest city in the U.S.”

US Airways, Flug 1737 nach Charlotte, North Carolina. Im Flugzeug sitzt Vanessa aus Charleston, South Carolina neben mir. Die Afro-Amerikanerin kommt gerade aus Garmisch-Partenkirchen und ist auf dem Weg nach Alabama. In Deutschland hat sie U.S.-Militär trainiert. Es ging um Chancengleichheit. Neben ihr zwei Mütter mit ihren Töchtern aus Detroit. Sie sind für die spring break auf dem Weg nach Key West, Florida. Die Reise ist ein Geschenk an die Töchter zum High School-Abschluss.

Ferien scheint mein Gastgeber Thomas Colones kaum zu kennen. Am Flughafen begrüßt mich der 57-Jährige mit einer Baseballkappe seines Arbeitgebers CBS auf dem Kopf. Ausnahmsweise ist er in seinem Privatauto gekommen. Ansonsten fährt er mit dem WSPA-TV-Auto durch die Südstaaten — immer mit der Kamera an Bord. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet T.C. — wie ich ihn nennen soll — als Kameramann für den Fernsehsender.

WSPA-TV gehört zum Sender CBS und versorgt mit Konkurrenten den 36. größten Markt der U.S.-Fernsehsender. Die Journalisten des Senders berichten aus North und South Carolina, Georgia und Tennessee. Der Hauptsitz des Senders liegt in Spartanburg, South Carolina — frisch zur „fourth unhappiest city in the U.S.“ gekürt.

Mein Gastgeber Thomas Colones will trotzdem in Spartanburg bleiben. Der 57-Jährige ist auf einem Militärgelände in den Südstaaten aufgewachsen. Sein Vater lernte Deutsch. T.C. studierte Journalistik an der University of North Carolina in Chapel Hill. Trotzdem hält er nicht viel von Universitäten.

Einen Arbeitsvertrag hat T.C. bei WSPA-TV nicht — trotz 34 Jahren im Dienste des Senders. „So the bosses can fire you any time?“ — „They have to give you notice two weeks in advance.“ Bis jetzt hat T.C. seinen Job behalten, obwohl die Wirtschaftskrise CBS unter den großen networks am härtesten getroffen hat. Die Folge: WSPA-TV feuerte mehr als 20 Mitarbeiter, stellte junge Reporter ein, die als Videojournalisten und Multimediajournalisten arbeiten. Das spart den Kameramann. Einen Tonassistenten gibt es sowieso nicht.

On assignment with community watchdog

Im Geländewagen von WSPA News Channel 7 sind wir mit community watchdog Chris Cato unterwegs. Das Motto des Senders: „on your side”. Die Reporter versuchen, es jeden Tag umzusetzen. Ein arbeitsloser Lastwagenfahrer hat den Reporter mit E-mails bombardiert. Der Grund: Highway 76. Zwischen Clinton und Laurens ist er seiner Meinung nach falsch mit den Himmelsrichtungen East und West ausgezeichnet. Notärzte, Krankenwagen und Lieferanten verfahren sich deswegen. Auch unser Navigationssystem zeigt an, dass das Krankenhaus auf der anderen Seite des Ortes liegt. An den Straßenschildern macht Chris zwei Aufsager — vorgeschrieben in jedem Beitrag des Senders. Der andere Aufsager wird in der Sendung als Teaser eingesetzt. Ein Afro-Amerikaner ruft Chris aus dem fahrenden Auto „watchdog“ hinterher. Chris lacht. „See, they know me around here.“ Die Aufsager scheinen zu wirken. Die Zuschauer kennen ihre Reporter vom Bildschirm.

In Laurens bittet Chris den Kameramann, einen kleinen Umweg zu fahren. Er will mir einen Laden hinter dem historischen Gerichtsgebäude zeigen. Der Reporter erklärt mir, dass sich im „world`s famous redneck shop“ regelmäßig Mitglieder des Ku Klux Klans treffen. Willkommen in den Südstaaten! Die Flaggen der confederates hängen noch an manchen Häusern. Die Menschen hier scheinen auch heute stolz auf ihre Geschichte zu sein. South Carolina war der erste Bundesstaat, der sich im Jahr 1860 von der Union abspaltete. Das führte letztendlich zum amerikanischen Bürgerkrieg.

Gegen 18.30 Uhr sitzen wir im Restaurant Copper River Grill. Der Kellner serviert uns Cola, Burger und Pommes. Das erste Essen nach dem Frühstück. T.C. hatte mich gewarnt: Er lebt in seinem news truck, auf der Straße und im Sender. Frau und Kinder hat er nicht. Dafür immer cookies im Auto — als Notration.

Problem solver

Am nächsten Tag fahren wir mit Reporterin Dianne Derby im WSPA-TV-Auto hinaus. Ihr beat: problem solver. Eine ehemalige Marinesoldatin hat sie um Hilfe gebeten. Sie hat eine Handy-Rechnung über 2.600 Dollar bekommen. Im Arm hält die junge Frau ihr neun Wochen altes Baby. Ihr Mann bildet im Irak Sicherheitskräfte aus. „Die Telefonrechnung ist höher, als seine Militärbasis ihm monatlich zahlt.“ Dianne Derby ruft den Telefonanbieter an. Das Problem ist am Ende des Tages gelöst — und WSPA-TV hat einen Beitrag im Programm.

Atlanta, Georgia

Ein ausdrückliches Wunschziel von mir. Als ehemalige Amerikanistik-Studentin und High School-Austauschschülerin in einer afro-amerikanischen Gastfamilie möchte ich unbedingt zur nationalen historischen Gedenkstätte für Martin Luther King. Beeindruckend zu sehen, von wo aus die U.S.-amerikanische Bürgerrechtsbewegung startete. Wenige Meilen entfernt im Coca-Cola-Museum geht es globaler zu. Mein Gastgeber TC liebt es, vereinzelt deutsche Wörter fallen zu lassen. Daraufhin spricht uns eine Frau aus Mainz an. Ihre Enkeltochter absolviert gerade ein High School-Jahr in den USA. Sie hat die Gastfamilie bereits drei Mal gewechselt. Nicht jeder hat so viel Erfahrung mit dem deutsch-amerikanischen Austausch wie mein Gastgeber. Ich bin bereits T.C’`s zwölfte RIAS-Stipendiatin.

In Atlanta treffen wir auch einen Freund, mit dem ich in Washington, D.C. zusammen zur Uni gegangen bin. Mittlerweile arbeitet Chris Pettigrew als Producer bei CNN International. Er zeigt uns einige Redaktionen, Regie und Studios im CNN-Hauptsitz.

Tragic death
Wir sind wieder mit WSPA-TV-Reporterin Dianne Derby unterwegs — dieses Mal für eine breaking news story. Ein High School-Schüler kommt wenige Tage vor seiner Abschlussfeier bei einem Autounfall ums Leben. Tragisch: Er stirbt auf dem Highway, der in Erinnerung an seinen Vater benannt ist. Der Soldat wurde vor drei Jahren in Afghanistan getötet. Unter dem Gedenkschild am Highway macht Dianne einen Aufsager — in Kleid und high heels. Die Reporterin wird später noch die Sendung moderieren. Zeit zum Umziehen bleibt nicht. Sie wird ihren Beitrag bis fünf Minuten vor Beginn der Sendung produzieren. Der einzige Vorteil für sie: Die U.S.-Amerikaner schreiben erst ihren Text für den Beitrag, sprechen ihn ein. Anschließend schneidet der Cutter die Bilder auf den eingesprochenen Text. Das machen bei WSPA-TV übrigens die Kameraleute. Sie sind Kamerafrau bzw. –mann und Cutter in einem. Dianne vertraut TC, so dass er den Beitrag alleine fertig produziert.

Im Beitrag ist auch ein kurzer O-Ton, den ich geholt hatte. An der Unfallstelle spricht Dianne mit dem Sheriff. Er kennt die Familie des toten High School-Schülers. In dem Moment kommt eine Augenzeugin vorbei. T.C. drückt mir das Mikro in die Hand. Mein erstes Interview für den Fernsehsender. „Von dem Schrei konntest du hören, dass jemand tot ist“, sagt die Zeugin.

Sightseeing in Charleston

Häuser im Kolonialstil, Pferdekutschen transportieren Touristen durch die mit Palmen gesäumten Straßen, auf dem ehemaligen Sklavenmarkt verkaufen Afro-Amerikanerinnen sweetgrass baskets. In Charleston scheint die Zeit teilweise stehen geblieben zu sein. Hier möchte T.C. mir „the real South“ zeigen. Vor Hyman`s Fischrestaurant warten wir eine halbe Stunde auf einen Platz. Dann sitze ich an einem Tisch, an dem auch schon Barbra Streisand gegessen haben soll. Ob Shirt, Baseballkappe oder Button — T.C. begrüßt unterwegs jeden, der in irgendeiner Form in der U.S.-Armee gedient hat. „Thank you for your service, Sir. I appreciate it.“

An der Battery leben die alteingesessenen Südstaatler in mehrere Millionen Dollar teuren Villen. In den öffentlichen Parkanlagen erinnern Statuen und gusseiserne Kanonen an die erbitterten Kämpfe zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs. Heute liegt im Hafen ein riesiges Kreuzfahrtschiff vor Anker. Auf dem Wasser schippert ein weißes Segelboot. Ferienstimmung. An einem Strand noch kurz die Füße im Meerwasser abkühlen, bevor es vom „laid-back South“ wieder in den intellektuellen Nordosten geht.

New York City, 9. — 16. April 2011

Gottesdienst in einer der ältesten afro-amerikanischen Kirchen in Harlem, MSNBC, New York Times, Hedgefonds-Manager, High School-Schüler in New Jersey, World Trade Center-Gedenkstätte, Vereinte Nationen inklusive Hintergrundgespräch mit einem deutschen Diplomaten, American Jewish Committee mit Pessachfest, Theater am Broadway mit Ben Stiller — Kontrastprogramm zu South Carolina.

Drei intensive, aufregende und abwechslungsreiche Wochen gehen zu Ende. Fünf weitere Tage verbringe ich bei Freunden in New York. Lange hatte ich davon geträumt, wieder in die USA zurückzukehren. RIAS hat es mir ermöglicht. Dabei konnte ich neue, spannende Aspekte des American Dream in der Zeit unter dem ersten afro-amerikanischen Präsidenten kennenlernen. Ich bin mir sicher, es gibt noch mehr zu entdecken. I`ll be back!

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Maurice Gully, Südwestrundfunk, Ludwigshafen

Ängstlicher Blick in den Rückspiegel: Ich höre lautes Sirenengeheul, sehe rot-blau flackernde Warnlichter. Natürlich meinen die Cops uns. Schließlich ist sonst kein anderes Fahrzeug weit und breit zu sehen, hier auf der verlassenen Hauptstraße des kleinen Örtchens Hatch in New Mexico. Meine amerikanische Kollegin Monica fährt rechts ran.

Ab jetzt beginnt Hollywood: Die beiden Cops, ganz in schwarz gekleidet, mit Spiegel-Sonnbrille und Cowboyhut, kommen langsam auf unser Auto zu. Sicherheitshalber bleibe ich erstmal auf dem Beifahrersitz sitzen, lege die Hände gut sichtbar auf meine Beine. Monica ist mutiger. Mit ihrem mexikanischen Charme und ihrer amerikanischen Coolness geht sie direkt in die Offensive. Nicht geblinkt und keine Kopie der Autoversicherung: das kann teuer werden.

Monica erzählt den strengen Polizisten, dass sie gerade eine Radio-Story über den berühmten Chili aus Hatch macht. Das gefällt den Cops, sie mögen Chili. Sie mögen auch Monica. Jetzt sieht das Drehbuch eine Wendung vor. Die beiden stattlichen Männer kommen nun auch zu mir. Ich erzähle, dass ich aus Deutschland sei und ein journalistisches Austauschprogramm mache. Und dass ich Chili mag.

Mehr braucht es jetzt nicht mehr. Das Eis ist gebrochen. Wir machen Fotos mit den beiden Cops und mir. Für die Kamera gucken sie extra böse, wedeln mit meinem deutschen Ausweis und lassen ihre Handschellen auf- und zuklicken. Später werde ich ihnen die Fotos mailen. Deutsche Journalisten verirren sich schließlich nicht häufig nach Hatch. Selbstverständlich zahlen Monica und ich an diesem Tag keine Strafgebühr, es bleibt bei einer schriftlichen Verwarnung.

Es ist eine Geschichte wie diese, die auf den Punkt bringt, worum es beim RIAS-Programm geht: Eintauchen in Amerika. Mein bisheriges Bild, das ich von dem Land und den Menschen in den vergangenen Jahren bekommen habe, wird in diesen drei Wochen Washington / Las Cruces (New Mexiko) / New York verfestigt, erneuert, korrigiert.

Die Zeit in meiner Mittelstation Las Cruces ist zweifelsfrei der Höhepunkt der drei Wochen. Sehr herzlich werde ich von meinem „Host“ Fred aufgenommen, der für die Radio- und TV-Station KRWG arbeitet. Der Sender gehört zur Familie der Public Broadcaster und ist mit einem lokalen Bürgerfunksender in Deutschland vergleichbar. Ein kleines Team produziert Radio- und TV Beiträge für New Mexico und West-Texas. Es kommt nicht selten vor, dass die Kollegen, mit denen ich in dieser Woche unterwegs bin, mit Videokamera, Mikrofon und Fotokamera ausgerüstet sind. Zeitgleich produzieren sie für das Radio, TV und Internetprogramm.

Die Wochen in Washington und New York bilden den Rahmen des dreiwöchigen Stipendiums. Mit meinen deutschen Kollegen aus der RIAS-Gruppe geht es zunächst zu vielen unterschiedlichen Terminen kreuz und quer durch die amerikanische Hauptstadt. Wir lernen u. a. die Redaktionsräume von CNN, FOX News und der Radiostation WTOP 103.5 FM kennen.

In vielen Gesprächen mit unseren amerikanischen Kollegen erfahren wir ihre Sicht der Dinge: Obama läge, zwei Jahre nach seinem Amtsantritt, weit hinter den Erwartungen des amerikanischen Volkes zurück und, nun ja, es gäbe allerdings keine wirkliche Alternative und deshalb rechne man mit einer erneuten Amtszeit. Und, nein, das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und den USA hätte sich nach der deutschen Enthaltung im UN-Sicherheitsrat zum Libyen-Einsatz nicht merklich verändert.

Neben intensiven Diskussionen und spannenden amerikanischen Inneneinsichten bleibt auch Zeit, Washington etwas näher kennen zu lernen: Die Hauptstadt zeigt sich uns in diesen Tagen von ihrer schönsten Seite: Es ist Cherry-Blossom-Zeit. Überall blühen japanische Kirschbäume in zartem rosa-rot und weiß.

Die dritte und letzte Etappe: New York. Traumstadt.
Nach der Woche in der Mittelstation ist es schön, die Gruppe wieder zu sehen. Das Hotel liegt nur wenige Minuten vom Times Square entfernt. Die Stadt hat sich seit meinem Praktikumsaufenthalt vor sechs Jahren kaum verändert. Der Puls taktet sofort wieder hoch zum vertrauten Beat der Stadt: laut, hektisch, bunt, schrill. Überholspur.
Auch in Manhattan geht es wieder kreuz und quer: Upper West Side, Downtown, East Village. UN, Jewish Committee, MSNBC und vieles mehr. Bei der New York Times erwischen wir einen spannenden Zeitpunkt: Seit kurzem wurde hier die „Paywall“ in der Online-Ausgabe eingeführt. Wer mehr als 20 Artikel pro Monat lesen will, muss zahlen. Wie zufrieden die Macher damit wirklich sind, lassen sie uns trotz hartnäckigen Nachfragens nicht wirklich wissen.

Ein besonders bewegender Moment erwartet uns an der Gedenkstätte „Ground Zero“. Wir sprechen mit einer Frau, die ihren Sohn bei den Anschlägen des 11. September verloren hat. Sie erzählt, wie sehr sich Amerika seitdem verändert hat. Und wie traurig sie darüber ist, dass die Moslems in ihrer Nachbarschaft bis heute argwöhnisch beäugt werden. Auch das ist Amerika.

Drei Wochen Vereinigte Staaten. Drei Wochen, die intensiver nicht hätten sein können. Dieses Land ist alles: offenherzig, charmant-verrückt, diskussionswürdig und -fähig. Und es ist wieder einmal ein Stückchen näher an die eigene Haustür gerückt.

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Inga Hoff, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

„Shovelling News“ — oder: „Tippi-Toppi”

Shovelling News“ — so hatte uns eine Korrespondentin den Arbeitsalltag eines großen Nachrichtensenders beschrieben. Und genau das trifft, wenngleich in anderer Form, auch auf das RIAS-Programm zu. Nur keine Pause, immer weiter Informationen schaufeln. Gut, wir machen nicht 150 Schalten pro Tag wie manch ein U.S.-Reporter on location und sehen definitiv mehr Tageslicht als die meisten Redakteure in den USA in ihren Büroboxen, aber der Vergleich ist trotzdem gerechtfertigt.

Klar, zurück in Deutschland fragt man sich, was bleibt von der Reise? Aber es ist gar nicht so wenig, was mir davon bleibt. Es sind genau 1243 Fotos vom Programm, 5 Badges, 37 Visitenkarten, fast genauso viele neue Facebook-Kontakte, ein Paar Kilo mehr durch die Burger-und-Pizza-Ernährung und zum Glück noch viel schwerer wiegende, tonnenschwere wundervolle, unglaubliche und teilweise sehr lustige Erinnerungen an die Zeit.

Ich habe dabei nicht nur die USA besser kennen gelernt, sondern auch die anderen Redakteure aus Deutschland. Diese Gruppe war einfach klasse und wir haben uns von Anfang an prima verstanden. Sogar so gut, dass wir es in der morgendlichen Kälte und beschallt von unfreundlichen Kommentaren des Ushers stundenlang zusammen in der Schlange zum Sonntagsgottesdienst in der Abyssinian Baptist Church in Harlem ausgehalten haben, ohne auch nur Anzeichen eines Dschungel-Camp-Kollers zu zeigen.

Getreu der Einsteinschen Erkenntnis, dass Zeit relativ ist, vergingen die drei Wochen in den USA viel zu schnell. Ein Highlight jagte das nächste, schneller als die Tornadojäger in Oklahoma unterwegs sind, und viel zu schnell, um alles sofort verarbeiten zu können. Ich versuche also im Folgenden kurz die Highlights meiner Highlights der Reise wiederzugeben. Da waren zu allererst die exklusiven Begegnungen mit Menschen, die man sonst wohl nie in seinem Leben getroffen hätte — wie zum Beispiel Mark Putnam, ein Medienberater für Politiker und auch TV-Kampagnenstratege für Obama. Er ist wohl der Steve Jobbs der Medien und erzählt uns, unscheinbar in Turnschuhen, einem Mittelklasse-Pullover und alten Jeans, wie er die teuerste politische Werbekampagne aller Zeiten organisiert und produziert hat.

Bewegend war vor allem das Treffen am Ground Zero mit Tracey. Sie hat durch die Anschläge 9/11 ihren Sohn verloren, der in einem der Türme gearbeitet hat. Den Tränen nahe hat sie uns ihre persönliche Geschichte zum 11. September erzählt, von der letzten Verabschiedung ihres Sohnes am Morgen des 11. Septembers bis zu den Angriffen auf die Menschen in der muslimischen Gemeinde, in der sie sich engagiert.

Wir haben viele Journalisten getroffen, unter ihnen auch Pulitzerpreisträger, einige Korrespondenten fürs Weiße Haus, den Helikopterpiloten Jim Gardner aus Oklahoma, der nicht nur Tornados, sondern auch flüchtende Kriminelle aus der Luft jagt, Vertreter ganz unterschiedlichster Gruppen und Religionen bei der herzlichen, traditionellen Pessach-Feier in der jüdischen Gemeinde New Yorks, waren in den Redaktionen von beispielsweise CNN, NBC, Fox News, haben der ehrwürdigen New York Times einen Besuch abgestattet, haben einen Hedgefond-Besitzer getroffen, Vertreter der großen Think Tanks, die die O-Töne gleich in ihrem eigenen professionellen TV- und Radio-Studio produzieren können und dann den Sendern überspielen, die Begründer eines Mikroblogs, die leidenschaftlich über ihre Nachbarschaft bloggen und viele, viele andere interessante Leute.

Einiges hat mich sehr erstaunt. Das sind teilweise die kleinen Erlebnisse am Rande — wie zum Beispiel dass auch 7-Jährige sich im Kino einen Horrorfilm anschauen können (während wir uns bei logo! schon Gedanken machen, ob wir den Kindern verwundete Menschen zeigen können), oder dass gerade mal die Hälfte der Journalistikstudenten an einer Uni sich über die aktuelle Nachrichtenlage informiert (davon die meisten über Twitter, was eh das Zauberwort in den USA scheint) — , auch der Rekrutierungsstand der Army direkt in einer Highschool hat mich verwundert. Man stutzt, wenn eine Journalistin, die prinzipiell jeden Tag gekündigt werden könnte, erzählt, dass sie den angebotenen 1-Jahres-Vertrag abgelehnt hat, weil sie nicht so eingeschränkt sein will in ihrer Freiheit, oder wenn die Kinder aus den lateinamerikanischen Familien der Hoboken Highschool in einem Vorort von New York erzählen, dass das Bildungssystem mit den hohen Studiengebühren gar nicht ungerecht sei, weil es ja wirklich genug Stipendien gebe....

Tja, und was habe ich nun gelernt? Ich habe beispielsweise gelernt, dass „When it bleeds it leads“ durchaus das Motto eines erfolgreichen TV-Senders sein kann, dass 2030 die weiße Mehrheit in den USA in der Minderheit sein wird, dass „off the record“ im Gesprächsprotokoll nicht unbedingt heißt, dass es auch spannende, exklusive Antworten geben muss, dass Menschen mit indianischen Wurzeln wirklich nicht die naiven Klischees erfüllen müssen — weder die romantischen Ideen von Naturbürgern im Wilden Westen noch das Klischee eines desillusionierten Bewohners eines Reservats, sondern dass Indianerstämme wie die Chickasaw nicht nur eine eigene Nation bilden, sondern auch geschickte Unternehmer sind. Ich habe auch erfahren (bei einem mitreißenden NBA-Spiel der Oklahoma City Thunders übrigens, danke und viel Erfolg bei den Playoffs!), dass Sport in den USA eine einzige, bis ins letzte Detail durchorganisierte Entertainment-Veranstaltung ist, bei der in der Spielpause durchaus auch Rekruten der U.S.-Army vereidigt werden können und dass eine „kleine“ Cola bei so einem Spiel nicht weniger als ein 1-Liter-Becher ist. (Generell ist das Wort „small“ im gastronomischen Bereich nun wirklich eine Untertreibung.) Ich habe gelernt, dass das, was wir denken, worüber sich die Amerikaner Gedanken machen, auch nicht zwingend mit dem übereinstimmen muss, worüber sich die Amerikaner tatsächlich Gedanken machen. Während es in den deutschen Medien als Affront galt, dass Deutschland sich bei der Abstimmung im Weltsicherheitsrat zum Libyen-Einsatz enthalten hat, wussten einige Amerikaner auf ihre Sichtweise dazu befragt nicht mal, wie Deutschland überhaupt abgestimmt hatte.

Was den Journalismus angeht, so findet man in den Redaktionen wohl die selben Produktionssysteme und Studioeinrichtungen wie bei uns, Arbeitsweise und Einstellung der Redakteure und Redaktionen könnten teilweise kaum unterschiedlicher sein. Zum Beispiel: Reporter, die vom Dreh kommen, schreiben ihr Textkonzept und sprechen es ein. Damit ist der Job des Reporters beendet und der Cutter muss allein halbwegs passende Bilder zum Text finden — wobei das mit dem „halbwegs passend“ dann auch wieder eine spezielle Eigenart ist. (Ich habe übrigens versucht, unsere Cutter von diesem System auch in unserer Redaktion zu überzeigen, was aber auf kein großes Interesse stieß.)

Und betrachtet man die Ausrüstung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den USA so hoffe ich ernsthaft, dass es den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland niemals so ergehen wird. Meine Station Week habe ich übrigens in Oklahoma verbracht. „Geographically in the middle of the USA, culturally in the middle of nowhere“, heißt es über den Bundesstaat. Nach der Woche dort kann ich mir aber kaum einen besseren Ort für eine Station Week vorstellen. Es war zweifellos ein ganz anderer Teil der USA, den man kennengelernt hat, unheimlich nette, „Okie“ Menschen dort und ich habe einiges gelernt und erlebt. Wo muss man sonst am Flughafen gleich ein Interview geben, wenn man nicht gerade ein Hollywoodstar ist oder wann steht man sonst den Studenten für eine Panel Discussion Rede und Antwort zusammen mit CNN Senior Correspondent in Paris, Jim Bitterman, — und ARD-Reporter Michael Stempfle nicht zu vergessen;-)? Und man sagt noch etwas anderes über Oklahoma: es seien die freundlichsten Menschen der Welt, nur wenn sie wählen, würden sie sich selbst zum Idioten machen. Den ersten Teil kann ich bestätigen, den zweiten Teil muss jeder selbst beurteilen — für den waffenvernarrten und traditionell republikanischsten aller Staaten, so republikanisch, dass sich die demokratischen Präsidentschaftskandidaten auch den persönlichen Wahlkampf dort sparen können, die Republikaner sowieso. In Oklahoma City waren die Ölpumpen allgegenwärtig. Erdöl und Erdgas haben dem Staat einen stattlichen Wohlverstand verschafft. Die Innenstadt in Bricktown ist, weil es einfach gefiel, den Kanälen und Backsteinhäusern in San Antonio nachempfunden und die studentische Nachrichtenredaktion der Oklahoma University ist technisch wohl besser ausgestattet als die meisten Sender hier in Deutschland. Sieht man den Ölreichtum, verwundert es erstmal nicht, dass sich bei der Abstimmung im Bundessenat keine einzige Stimme für das neue Umweltschutzgesetz fand und Umweltschutz generell sagen wir eine eher „untergeordnete“ Rolle spielt. Die Woche in Oklahoma war definitiv vielfältig und wie das gesamte Programm interessant und reich an einprägsamen, wundervollen Begegnungen...

Ich werde die vielen Eindrücke in dieser intensiven RIAS-Zeit und die Gruppe schon ein wenig vermissen. Nur eine Sache eher weniger: das tägliche Ausfüllen des Feedbackbogens. Allerdings habe ich da inzwischen einen adäquaten Ersatz bei der täglichen Arbeit gefunden: das Ausfüllen der Rechtemeldungen in der Redaktion. Ich habe lange überlegt, welchen klugen Schlusssatz ich für den Erfahrungsbericht verwenden kann. Ganz kurz habe ich an ein sehr kluges Zitat gedacht. Ich fand dann den Satz von Miriam Beard: „Certainly, travel is more than seeing of sights; it is a change certainly goes on, deep and permanent, in the ideas of living.“ Auch wenn das wohl zutrifft, es schien mir doch zu hochtrabend. Und so lautet mein Fazit eher „It was absolutely awesome!“ (wie es der U.S.-Amerikaner sagen würde) oder „Tippi-toppi!“ (ich hoffe, man schreibt es auch so), wie ein lustiger Mitfellow während des Programms nicht müde wurde unsere Erlebnisse zu kommentieren. Danke RIAS für diese tolle Erfahrung und perfekte Organisation!

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Katrin Kahlke, Norddeutscher Rundfunk, Schwerin

In Oregon gibt es kein schlechtes Wetter. Auch nicht, wenn es kalt ist und den ganzen Tag wie aus Gießkannen regnet. Neben mir im Auto sitzt Tracy. Sie trägt eine leichte Regenjacke und Gummi-Sandalen. Wir sind auf Erkundungstour und halten auf dem Weg zur Küste überall an, wo es für mich etwas zu sehen gibt. Erste Station: das Kasino. Es wird von Indianern betrieben und liegt mitten in der Wildnis. Von außen ein schickes Ressort mit Golfrasen und Strandhafer — innen die kleine Version von Las Vegas. Dutzende Slotmachines rattern und klingeln. Die Besucher — fast ausschließlich Rentner — schieben Rollatoren vor sich her und rauchen Zigaretten. “Es kommen sehr viele Touristen hierher. Wir Amerikaner lieben das Glücksspiel”, erzählt mir Tracy und lacht über mein verdutztes Gesicht.

Wir besuchen noch eine Seelöwenhöhle unterhalb der traumhaft schönen Küste und wärmen uns auf der Rücktour bei Lori auf. Sie hat ein kleines Restaurant gleich neben dem Highway und ist berühmt für ihr selbstgebackenes Gingerbread. Außer uns ist niemand da. Mit der Kaffeekanne in der Hand berichtet uns Lori, dass sie alle Kellner entlassen musste. Es kommen kaum noch Gäste. Viele müssten sparen und gingen nur noch selten aus. Obendrein regne es ja in Oregon neun Monate im Jahr. Wem sollte sie also die Schuld dafür geben?

Ich bin gerade erst angekommen und mitten drin. Im richtigen Amerika. Herzlich empfangen von meinem „Host”, Tracy, die sich rührend um mich kümmert, seitenweise e-mails schreibt und mich mit Karten, Reiseführern und Tipps versorgt, als würde ich für immer bleiben. Offen spricht sie über alles, was ihr Land momentan bewegt. Die Wirtschaftskrise der Vereinigten Staaten, die die Nordpazifik-Küste mit voller Wucht getroffen hat. Es gibt hier die höchste Arbeitslosenquote der USA, fast 11 Prozent. Auch Tracys Freundin Dawn-Mari hatte es erwischt. Ich treffe sie am nächsten Tag in einer großen Lagerhalle. Dawn-Mari hat als Journalistin über die Autoindustrie berichtet. Und gut verdient. Bis die Krise kam. Einige Firmen gingen pleite. 5.000 Jobs waren auf einen Schlag weg. Auch der von Dawn-Mari. Jetzt ist sie Sprecherin einer Foodbank, einer gemeinnützigen Organisation vergleichbar mit den Tafeln in Deutschland. Nur größer. Sie sammelt Spenden, verteilt Lebensmittel. Allein 14.300 warme Mahlzeiten pro Tag in Eugene, der kleinen Universitätsstadt, in der ich eine Woche lang wohnen darf. Sie habe einen sinnvollen Job, sagt Dawn-Mari: „Oregon ist einer der hungrigsten Staaten. Nur in Alabama und Maine gibt es noch mehr Menschen, die nicht genug zu essen haben. Jedes Jahr werden es mehr.” Mehr Familien, in denen Eltern ihren Kindern zuliebe aufs Essen verzichten und mehr Alte und Alleinstehende, von ihren letzten Dollars Hundefutter kaufen, damit sie ihren vierbeinigen Freund versorgen können und nicht allein sind.

Viele Menschen hätten Grund zum Verzweifeln angesichts der düsteren Prognosen. Aber sie scheinen ihr Schicksal mit Fassung zu tragen, fangen etwas Neues an. Wer kann, sucht sich einen anderen Job.

Tracy macht ihren mit sehr viel Leidenschaft und einer bemerkenswerten Leichtigkeit. Sie ist Nachrichtenredakteurin bei New Country Music, einem kleinen Sender, der ausschließlich Countrysongs spielt und schon viele Preise eingeheimst hat. Tracy kennt sich in der Musikszene fabelhaft aus. Ihre Show war in diesem Jahr für den wichtigsten Music Award in Las Vegas nominiert. Tracys Hauptaufgabe aber sind die Nachrichten. Jeden Morgen zwischen halb sechs und neun Uhr früh sortiert sie in ihrem kleinen Studio Agenturmeldungen und liest die winzigen Zettelchen halbstündlich vor. Kurz und knapp das Neueste aus aller Welt und Amerika, gut aufbereitet, verständlich und seriös. Fukushima, der Libyen-Einsatz oder die Fernsehansprachen von Präsident Obama findet Tracy wichtig, also kommen sie fast immer vor. Die beiden Moderatoren Bill und Tim sorgen für Unterhaltung. Sie wählen Musik aus (elf Titel pro Stunde!), telefonieren nebenbei mit Hörern, machen Witze und beantworten Fragen, die via Facebook oder Twitter gestellt werden. Ein beachtliches Arbeitspensum! Nach der Sendung geht für die Crew die Arbeit weiter, dann unterstützen sie zum Beispiel Wohltätigkeitsaktionen oder produzieren kleine Werbespots. Der Sender ist mit seinem Konzept höchst erfolgreich — sogar Marktführer.

Die Woche in Oregon war für mich der Höhepunkt der dreiwöchigen RIAS-Reise. Die Chance zu haben, für einen kurzen Moment ganz tief einzutauchen in das Land und das Leben seiner Bewohner. Die Tage in Washington und New York trugen dazu bei, die vielen Facetten des journalistischen Arbeitens kennenzulernen. Wir sind durch die Redaktionsräume der großen Sender und Agenturen gelaufen, wir trafen die Macher der New York Times und ließen uns von den konservativen Denkern der Heritage Foundation erklären, dass Klimaschutz irgendwie Blödsinn ist. Überraschend offenherzig und diskussionsfreudig waren alle, die wir getroffen haben. Die Gespräche intensiv und bewegend. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit so viel Input und positiver Energie nach Hause fahren würde.

Eine Rückkehr in die USA wird es ganz sicher geben. Land- und Straßenkarten, Reiseführer, Stadtpläne, Wegbeschreibungen habe ich jedenfalls reichlich — besonders für Oregon.

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Janina Kalle, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Ein New York Strip Steak liegt vor mir auf dem Teller. Brokkoli und Babykarrotten bilden eine appetitliche, vitaminreiche Umrahmung und ein Berg von Kartoffelschnitzen bittet geradezu darum, in Ketchup getunkt zu werden, das in einer kleinen Schale daneben steht. Nur um es vorweg zu nehmen: Dieses Stück Fleisch, das da in Austin, Texas vor mir auf dem Teller liegt, wird das beste Steak gewesen sein, das ich bis dahin gegessen habe. Und trotz dieser ausgereiften Technik und der tadellosen Qualität des Fleisches werde ich das Steak nicht aufessen. 400 Gramm Fleisch auf ein Mal sind einfach zu viel, selbst für eine geübte Esserin. Ich habe einen halbvollen Teller zurückgehen lassen.

Dieses Bild geht mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich an die drei Wochen USA denke, die mir Rias ermöglicht hat. Es war meine erste USA Reise und es wird mit Sicherheit nicht die letzte gewesen sein. Denn auch jetzt erscheint mir das Land rätselhaft. (Was bei über 300 Millionen Einwohnern und mindestens doppelt so vielen Meinungen wenig verwundert.)

Wir haben die „Heritage Foundation“ besucht, den konservativen Thinktank Amerikas, der mir bis dahin nur in unguter Erinnerung war, weil die Foundation damals den zweiten Irakkrieg befürwortet hat. Wir wurden in einem gediegenen Neubau empfangen mit fingerdicken Teppichen und schweren Holzmöbeln. Und ohne mit der Wimper zu zucken hat uns der ungemein smarte und freundliche Pressesprecher Antworten gegeben wie: „Global warming? Gibt es nicht. Zeigen Sie mir eine Insel, die untergegangen ist.“ „Erneuerbare Energien? Unser Wohlstand fußt auf fossilen Brennstoffen und das ist gut so.“ „Atomkraft? Ja — die ist sicher und sauber.“ „Irakkrieg? Nun, demokratische Staaten bekriegen sich laut Erfahrungswerten seltener als Diktaturen. Wir sind froh, dass wir in Afghanistan und dem Irak Demokratie geschaffen haben.“

Einen Tag später waren wir bei „Brookings Institution“, also dem großen linken Thinktank. Die Aufzüge drohten stecken zu bleiben und der Konferenzsaal erinnerte an einen Hörsaal einer 70er Jahre Universität im Ruhrgebiet. Dieses Mal bekamen wir komplett gegenteilige Antworten: „Zukunft der USA? Metropolen und grüne Energie, wir müssen uns von dem Bild des guten, weißen Amerikaners auf dem Land als identitätsstiftendes Bild verabschieden.“ „Zukunftschancen Amerikas? Europa kämpft mit der Überalterung und wird das Problem nicht lösen. Wir haben die Hispanics und die Schwarzen. Das ist unsere Chance. Wenn es einer Gesellschaft gelingt so unterschiedliche Gruppen zu integrieren, dann ist es die U.S.-Gesellschaft. Und wir müssen es schaffen.“ Auf die Frage warum der amerikanische Wahlkampf so oft mit irrationalen Vorwürfen gespickt sei, wie zum Beispiel, dass Obama nicht in den USA geboren ist, antwortete der Institutsleiter Bruce Katz: „United States Area is (often) a factfree zone“.

Schon diese beiden Welten waren mehr als schwer zu vereinbaren, obwohl zwischen den beiden Gebäuden kaum zwei Kilometer Luftlinie lagen. Vermutlich würde man in Deutschland auch bei der „Konrad Adenauer-“ und der „Rosa Luxemburg Stiftung“ sehr unterschiedliche Ansätze kennen lernen. Aber in Deutschland referieren die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen viel stärker auf die gleichen Zahlen und  Fakten. Niemand würde tatsächlich die globale Erwärmung in Frage stellen. Die amerikanische Bandbreite im Denken und im einander Akzeptieren war mir neu.

In den folgenden Tagen haben wir hochintelligente Statistiker vom Pew Institut kennen gelernt, Republikaner, die linksintellektuell waren, eine schwarze Pastorin, die aussah wie ein Supermodell, eine jüdische Gemeinde, die Araber zum Passahfest eingeladen hat, und vieles mehr. Ich habe gelernt, dass ein Großteil der Abgeordneten beider U.S.-Kammern keinen Reisepass besitzt, also noch nie oder zumindest nicht in den vergangenen Jahren im Ausland war. Ich bin gefragt worden, was an Mülltrennung so toll sein soll, wieso ich vier Tage Zeit für einen Fernsehbeitrag habe, der nur drei bis fünf Minuten lang ist, und ich habe jede Menge Dinge gegessen, die zu fett, zu frittiert und zu geschmacksneutral waren um mich irgendwie zufrieden zu stellen. Und ich habe mich immer wieder von neuem in Innenstädten gegruselt, die voll Beton waren und menschenleer, weil alle Bürger entweder in einer Shopping-Mall waren, im Auto oder zu Hause.

Und ich habe ein gigantisch gutes „New York Strip Steak“ gegessen — und musste mitten drin für mich entscheiden, dass ich nicht mehr weiter essen kann. Ein Entschluss, zu dem sich mein freier Wille nur sehr mühsam durchringen konnte, angesichts dieses sehr guten Essens. Aber die amerikanische Freiheit spiegelt sich für mich nicht nur in dem Denken und den unmöglichsten Kombinationen wieder (wie einer grell geschminkten, gertenschlanken Pastorin), sondern eben auch auf dem Teller. Wenn alles möglich ist, muss sich der Einzelne seinen Weg und sein Maß alleine finden. Die vielen übergewichtigen Amerikaner, die ich vor allem auf dem Land gesehen habe, zeigen ganz plastisch, dass das dem Menschen nicht immer leicht fällt. Aber die enorm originellen und unkonventionellen Köpfe, die wir treffen konnten, haben mir auch gezeigt, welch brillanten und neuen Ideen durch eben diesen Geist der Freiheit entstehen können.

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Jan Liebold, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Natürlich kenne ich die Vereinigten Staaten von Amerika. Schließlich bin ich schon zweimal da gewesen, ich habe mir ein Bild vom Land und seinen Menschen gemacht.

In den USA ist alles ein bisschen größer und bunter, es wird gern dick aufgetragen. Werbetafeln und Hausfassaden glitzern um die Wette, Fernsehsendungen heißen SHOW. Wenn ein Politiker redet, hält die Nation den Atem an, die Präsidentschaftswahl wird zum WETTLAUF ums Weiße Haus. Ein Heer von PR-Beratern macht aus den Kandidaten Werbeträger, heroische Kunstfiguren wie Superman. Leider hat das kaum noch mit der Wirklichkeit zu tun.

Im Süden des Landes glauben die Menschen an den Ku-Klux-Klan und Scientology. Hier trägt jeder Amerikaner eine Waffe, weil er sich vor allem schützen muss, was schwarz oder spanisch ist. Es wird gern und viel in die Kirche gegangen, fast kein Haus, vor dem nicht die Stars und Stripes gehisst werden. Vom Rest der Welt versteht man hier soviel wie British Petroleum vom Umweltschutz. Amerika ist schließlich der Dreh- und Angelpunkt der zivilisierten Welt.

Und dann gibt es da noch die Heuschrecken, smarte Hedgefond-Manager, denen nur eines wichtig ist: Der Dollar. Rolex und Armani-Anzug sind Phallussymbole, weit wichtiger als die Ehefrau und sowieso wird alles das, was die Gewinnmaximierung behindert, als böse und unamerikanisch interpretiert. Krisen sind nämlich zyklisch, und Lehmann Brothers… war das was?

Jetzt fahre ich also noch mal hin, in dieses Land. Zusammen mit elf Kollegen geht es nach Washington, dann bin ich für eine Woche als Praktikant in Florida und später treffen wir uns wieder in New York. Mehr als eine Bestätigung meiner USA-Bilder erwarte ich eigentlich nicht. Doch schon nach den ersten Gesprächen mit Journalisten, PR-Leuten und politischen Insidern wird klar: Amerika überrascht.

Zum Beispiel durch Mark Putnam, eigentlich studierter Molekularbiologe, seit Jahren aber PR-Experte und erfolgreicher Autor von Wahlwerbespots für U.S.-Politiker. Zuletzt hat er die politische Kampagne von Barack Obama filmisch umgesetzt. Ein Big Deal also. Doch als er uns von seiner Arbeit berichtet und fast ein bisschen schüchtern wirkt im viel zu großen Woll-Sweatshirt und abgewetzten Jeans, die in Billigturnschuhen stecken, wird schnell klar, dass überbordender Pathos und Kaugummilächeln auch in Amerika noch längst keinen U.S.-Politiker an die Macht bringen. Ungewöhnliche Seiten an einem Kandidaten entdecken, mit Witz und Ironie auch über eigene Schwächen sprechen, in kurzen, clipartigen Bildern möglichst vollständig informieren — das ist Marks Geschäft und er beherrscht es eindrucksvoll. Steife Machtmenschen lachen plötzlich über sich selber, bärbeißige Typen müssen lernen, locker und verständlich auf den Punkt zu kommen. In Putnams Spots macht sich das politische Amerika ein bisschen lustig über sich selbst. Und das wirkt sehr sympathisch.

In Florida arbeite ich bei WTSP, einem Nachrichtensender für den Großraum Tampa Bay. Mein Host ist Libby Hendren, eine 30jährige Planungsredakteurin, die stolz ist auf ihr Amerika und den Sunshine State Florida. Zwar hat der Sender schon bessere Zeiten gesehen, Studios und Arbeitsplätze wirken wie Leihgaben aus den Achtzigern, doch der Idealismus, mit der Libby an die Arbeit geht, beeindruckt mich. Nachrichten begreift man bei WTSP eigentlich als Serviceangebot für den Alltag, Wetter- und Verkehrsmeldungen sind die wichtigsten Themen in jeder Newssendung. Und die Bosse von WTSP definieren erfolgreichen Journalismus hauptsächlich über die Quote. Doch Libby ist das egal. Fukushima, der Krieg in Libyen, die Euro-Krise — kaum eine Sendung vergeht, in der sie nicht ein Auslandsthema ins Programm bringt. Die Auseinandersetzung mit dem Chef nimmt sie in Kauf. Denn sie ist überzeugt: Amerika muss mehr über die Welt wissen. Schließlich seien die USA nicht das Zentrum der Zivilisation, es gäbe einiges, das schief gelaufen sei im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und was man besser machen müsste. Ein amerikanischer Blick über die Sandstrände von Florida hinweg, ohne Vorurteile — das zeichnet Libby aus. Die Gespräche mit ihr sind eindrucksvoll.

In New York treffen wir uns zum Gespräch mit Lawrence Heller, einem Hedgefond-Manager, der seit mehr als 20 Jahren an der Wall Street arbeitet und ein Vermögen gemacht hat mit Spekulationen auf Pleiteunternehmen und Wachstumsbranchen. Sein Besprechungszimmer beherbergt die Reliquien des Erfolgs. 70 Zoll-Breitbildfernseher, sündhaft teures Gemälde an der Wand, bitte vorsichtig beim Hinsetzen und Zurücklehnen! Doch dann äußert sich Heller skeptisch über die Gesetze der Finanzwirtschaft. Die amerikanische Politik des Schuldenmachens sei zum Scheitern verurteilt, gigantische Bilanzlücken und steigende Inflation könnten nur zu einem Ende führen: Dem Zusammenbruch des Währungssystems. An den Dollar glaubt der Manager schon längst nicht mehr. Wer sein Vermögen retten wolle, der müsse Gold kaufen, und zwar schnell, rät Heller. Gut klingt das alles nicht aus dem Munde des Finanzexperten. Und seine Entschiedenheit ist bemerkenswert — denn der Wandel von einem, der immer an den Dollar geglaubt hat, zum Skeptiker, der plötzlich nichts mehr hören will von ungebremstem Wachstum, muss stutzig machen. Eine offene und schonungslose Analyse, ausgesprochen mitten in Manhattan, im Konsummekka des Westens.

Was bleibt von einer Amerika-Reise, bei der am Ende doch vieles deutlich anders war als ich mir es vorgestellt habe? Auf jeden Fall eine Menge geplatzter Klischees, stattdessen die Erkenntnis, dass viele Amerikaner im Jahr 2011 nachdenklich und reflektiert über sich, die USA, die Welt sprechen. Vieles, was in Deutschland lange Zeit als typisch amerikanisch wahrgenommen wurde, der unbedingte Glaube an die eigene Überlegenheit und das feste Vertrauen in die amerikanische Mission, verliert zwischen Washington, Florida und New York allmählich an Gültigkeit. Den ein oder anderen mag das beunruhigen, ich habe dieses Amerika auf jeden Fall gemocht.

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Michael Stempfle, ARD aktuell Mainz

U.S.-Journalisten großer Fernsehanstalten nutzen soziale Netzwerke bei ihrer Arbeit häufiger als wir in Deutschland. Das war eine von vielen Erkenntnissen beim Frühjahrsprogramm der RIAS-Kommission. Google Plus war zu Beginn des Jahres 2011 zwar noch kein Thema; dafür aber twitter, facebook und auch der ein oder andere blog. Die social media werden bei der Themenauswahl, Recherche oder Suche nach potentiellen Gesprächspartnern viel häufiger in Anspruch genommen als bei uns.

Dass deutsche Journalisten große Bedenken gegenüber twitter haben, wurde uns in New York vor Augen geführt. Bei einer großen deutschen Institution haben wir zum Beispiel erfahren, dass ihr relativ wenige deutsche Journalisten auf twitter folgen. Die vergleichbare U.S.-Einrichtung hatte zumindest zu diesem Zeitpunkt verhältnismäßig mehr follower. Das mag banal klingen, doch die Ablehnung der deutschen Journalisten gegenüber twitter hat Folgen: Wenn die tweets der deutschen Institution mit den links zu Pressemitteilungen kaum gelesen werden, heißt das im Umkehrschluss, dass die Institution mehr Telefonate mit Journalisten führen oder Informationen individuell per Email oder gar per Fax verschicken muss. Ein vergleichsweise umständliches und aufwändiges Verfahren. Das sei unnötig, findet die besagte Einrichtung, zumindest dann, wenn es nicht darum gehe, komplizierte Sachverhalte mit Journalisten zu klären, sondern nur darum, eine Information weiterzugeben, eine ganz gewöhnliche Pressemitteilung.

U.S.-Journalisten scheinen von Grund auf weniger Bedenken gegenüber twitter zu haben. Besonders deutlich wird das, wenn man mit Nachwuchsjournalisten spricht. Am Gaylord College der University of Oklahoma konnten wir auch mit Studierenden diskutieren. Für mich war erstaunlich zu erfahren, dass für eine Mehrzahl der Journalistik-Studenten twitter die erste Informationsquelle ist. Sicherlich war das nur eine Momentaufnahme und alles andere als eine repräsentative Umfrage. Aber die Diskussion zeigte mir, dass twitter anders als bei uns auch als eine Art Nachrichtenmedium verstanden wird; ein Nachrichtenmedium, das eben nur mit viel mehr Vorsicht zu genießen ist als klassische Medien. Für diese Nachwuchsjournalisten ist klar: Viele Neuigkeiten verbreiten sich zuerst über twitter. Warum sollte ich darauf verzichten? Man könne dann ja noch immer checken, ob die tweets auch wirklich stimmten oder nicht.

Bei den vielen Redaktionsgesprächen, die wir in den drei Wochen führen konnten, war die Einbindung der sozialen Netzwerke in die journalistische Arbeit immer wieder Thema. Als ich aus den USA zurückkam, hab ich einige unserer U.S.-Kollegen noch mal darauf angesprochen — hier deren Antworten:

Planungsredakteure sagen, der Vorteil von twitter liege darin, dass sie möglicherweise schneller an Informationen herankommen. Ein aktuelles Beispiel ist der Tod von Amy Winehouse. Die Nachricht kam zuerst auf twitter; Nachrichtenagenturen, Fernseh-, Radiosender und Zeitungen hatten das Nachsehen. Klar, dass Journalisten so eine twitter-Nachricht nicht einfach veröffentlichen könnten, sobald sie auftaucht. Aber ein Planer, der die social media-Welt überblickt, hat überhaupt erst die Chance, solche twitter-Meldungen aufzuspüren und sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Reporter sagen, der Vorteil liege darin, dass sie mit twitter eine zusätzliche Recherchequelle haben. Viele U.S.-Kollegen checken erst einmal, welche tweets es zu ihrem Thema gibt, welche potentiellen Gesprächspartner sich auf twitter äußern oder welcher Aspekt des Themas auf twitter besonders hitzig diskutiert wird, bevor sie dann mit ihrer klassischen Recherche anfangen. Das mag simpel klingen, doch die Kunst besteht darin, informierten und vertrauenswürdigen usern zu folgen und gleichzeitig den trash herauszufiltern. Dass U.S.-Kollegen die Informationen, die sie bei twitter finden, nicht einfach übernehmen, sondern durch eigene Recherchen vor Ort, durch Gespräche und Telefonate usw. überprüfen, ist für sie eine journalistische Pflicht und eine Selbstverständlichkeit, sagen sie.

Die Nachteile von „twitter“, die wohl der Hauptgrund für die Skepsis vieler deutscher Journalisten sind, kennen natürlich auch die U.S.-Kollegen: Die Gefahr also, dass Gerüchte oder Unwahrheiten verbreitet werden. Ein großer Sender in den USA soll den Tod von Senatorin Giffords aus Arizona gemeldet haben, obwohl diese den Anschlag bekanntlich überlebt hat. Eine Falschmeldung, die angeblich auf ein tweet zurückging und eigentlich leicht zu überprüfen gewesen wäre. Für viele U.S.-Kollegen sind solche Erfahrungen aber kein Grund, auf twitter zu verzichten, sondern vielmehr Ansporn, tweets, die von Interesse sein könnten, noch gründlicher zu überprüfen.

Facebook scheint bei deutschen Journalisten beliebter zu sein als twitter. Und dennoch nutzen wir es nicht in gleichem Maß wie unsere U.S.-Kollegen. Ein Beispiel: die Informationssuche zum Erdbeben in Japan. Wir haben mit Journalisten gesprochen, die kurz nach Ausbruch der Katastrophe auf facebook gezielt nach Augenzeugen gesucht und Informationen, Fotos oder Videos von ihnen erfragt haben. Wie glaubwürdig kann Material sein, das ich von Unbekannten über „facebook“ bekomme, haben wir die U.S.-Kollegen gefragt. Es gibt Möglichkeiten, das — zumindest in Ansätzen — zu überprüfen, war die Antwort. Stimmen die Straßennamen, die auf den Videos zu sehen sind? Gibt es die Gebäude, die zu sehen sind, tatsächlich in der Stadt, von der die Rede ist? Gibt es Hinweise darauf, an welchem Tag das Material gedreht ist und zu welcher Uhrzeit? Welchen Akzent sprechen die Menschen, die zu hören sind? Bei der Diskussion über die begrenzten Möglichkeiten der Überprüfung ist eines auch klar geworden: ein Risiko bleibt! Wichtig sei, das Video, für dessen Veröffentlichung man sich nach einer gründlichen Überprüfung schließlich entscheidet, richtig einzuordnen und klarzumachen, dass es sich dabei ausdrücklich nicht um selbst gedrehtes Material, sondern um Amateuraufnahmen handelt.

Auch das Bloggen hat in den USA grundsätzlich einen höheren Stellenwert hat als bei uns. Das wurde beim Vortrag eines CNN-Korrespondenten an der University of Oklahoma deutlich. Zu aktuellen Themen spontan zu bloggen, sprachlich kreativ zu sein, user für seinen Blog zu begeistern, zu gewitzten Kommentaren zu animieren… all das wird in den USA als moderne, journalistische Kommunikationsform verstanden. Umgekehrt haben mir ein paar Redakteure gesagt, dass gute Blogs mit investigativen Recherchen (wie zum Beispiel auf propublica.org) für sie zur Morgenlektüre dazu gehören wie Tageszeitungen oder Frühsendungen.

Welche Erkenntnisse kann ich als Journalist daraus gewinnen? Meiner Ansicht nach steckt eine Chance darin, soziale Netzwerke stärker als bislang in die journalistische Arbeit mit einzubeziehen. Fernsehen, Radio und Zeitungen auf der einen Seite und das Internet auf der anderen sind bei uns häufig zwei getrennten Welten. Wer Nachrichten für klassische Medien macht, kann die Augen vor den Diskussionen im Internet nicht verschließen, sondern muss zumindest im Blick haben, was in den sozialen Netzwerken vor sich geht — die nötige journalistische Distanz immer vorausgesetzt.


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